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Geplante EU-Mehrwertsteuerreform: Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Handel

Von Bernhard Köstler
Aktualisiert am: 16.10.2018

Bereits seit Oktober 2017 wird die von der Europäischen Kommission geplante Mehrwertsteuerreform heiß diskutiert. Doch welche Änderungen bringt die Mehrwertsteuerreform der EU insbesondere für Kleinunternehmer, die ihre Waren und Dienstleistungen ins EU-Ausland verkaufen? Welche Ziele verfolgt die Reform und wann greifen die neuen Umsatzsteuer-Spielregeln? Alle notwendigen Informationen für den grenzüberschreitenden Handel an Unternehmen (B2B) und Endverbraucher (B2C) erhalten Sie im folgenden Praxisbeitrag.

Die geplante Mehrwertsteuerreform der EU sieht im Kern vor, dass die Umsatzsatzbesteuerung des Warenverkehrs von EU-Unternehmern innerhalb der EU einfacher geregelt wird. Das große Ziel dabei ist, dass bis 2022 alle grenzüberschreitenden Lieferungen im Bestimmungsland besteuert werden. Durch die neuen Regelungen soll vor allem der Umsatzsteuerbetrug eingedämmt werden. Dieser liegt pro Jahr bei etwa 50 Milliarden Euro.

Umfrage: Betrifft Sie die EU-Mehrwersteuerreform?

Wir möchten gerne wissen, inwieweit Ihr Unternehmen von den Regelungen der EU-Mehrwertsteuerreform betroffen ist. Hierfür würden wir Sie bitten, 4 kurze Fragen zu beantworten. Die Umfrage dauert ca. 3 Minuten. Alle Angaben werden anonym erfasst.

Mehrwertsteuerreform bei Warenlieferungen: Besteuerung im Bestimmungsland

Liefert ein in Deutschland ansässiger Unternehmer nach derzeitigem Umsatzsteuerrecht Waren von Deutschland in ein anderes EU-Land, wird die Lieferung umsatzsteuerlich aufgeteilt. Der deutsche Unternehmer hat bei Vorliegen und Nachweis verschiedener Voraussetzungen in seiner deutschen Umsatzsteuererklärung eine umsatzsteuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung zu erklären, der Empfänger der Ware hat in seiner ausländischen Umsatzsteuererklärung einen umsatzsteuerpflichtigen innergemeinschaftlichen Erwerb zu erklären. Jeder der beiden muss noch eine Zusammenfassende Meldung abgeben.

Dieses komplizierte System ist gerade für Klein- und Kleinstunternehmen in Deutschland ein Hemmnis, Waren an andere Unternehmer (B2B) ins EU-Ausland zu verkaufen. Durch die geplante Mehrwertsteuerreform in der EU soll der Warenverkehr innerhalb der EU vereinfacht werden. Geplant sind folgende Änderungen:

  • Die Warenlieferung zwischen Unternehmern wird umsatzsteuerlich nicht mehr in zwei Lieferungen aufgeteilt.
  • Die Umsatzbesteuerung soll nur noch im Bestimmungsland stattfinden.

Beispiel – Warenlieferung alt und nach der Mehrwertsteuerreform:

Derzeitige Rechtslage Reformüberlegung
Unternehmer DE Umsatzsteuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung Umsatzsteuerpflichtige innergemeinschaftliche Lieferung in Italien
Unternehmer IT Umsatzsteuerpflichtiger innergemeinschaftlicher Erwerb in Italien -

Liefernder Unternehmer ist Steuerschuldner: Wo ist der Vorteil?

Viele Unternehmer werden sich nun fragen, wo denn hier die eigentliche Vereinfachung sein soll. Denn wird die innergemeinschaftliche Lieferung nach der geplanten Mehrwertsteuerreform im Ausland umsatzsteuerpflichtig, muss sich der deutsche Lieferant im ausländischen EU-Staat umsatzsteuerlich registrieren lassen und in der Rechnung den Steuersatz im Bestimmungsland ausweisen. Von Vereinfachung kann also hier nicht die Rede sein.

Ausnahmeregelung verschont Lieferanten

Es ist jedoch eine Ausnahmeregelung geplant: Ist der im EU-Ausland ansässige Kunde ein sogenannter „Zertifizierter Steuerpflichtiger“, schuldet nicht der Verkäufer die Umsatzsteuer, sondern der Kunde. Das vereinfacht Warenlieferungen innerhalb der EU für deutsche Unternehmen natürlich erheblich. Hier greifen dann ähnliche Vorschriften wie beim Reverse-Charge-Verfahren nach § 13b UStG, die bisher nur für Leistungen und nicht für Lieferungen gelten.

Um den Status einen zertifizierten Steuerpflichtigen zu erhalten, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Erhält ein Unternehmen diesen Status, gilt es als zuverlässiger Steuerzahler und kommt in den Genuss verschiedener Erleichterungen (u.a. beim Nachweis steuerfreier innergemeinschaftlicher Lieferungen).

Beispiel – Verschiebung der Steuerschuldnerschaft durch Mehrwertsteuerreform:

Ein in Deutschland ansässiger Unternehmer liefert Waren an einen in Frankreich ansässigen Unternehmer, der als zertifizierter Steuerpflichtiger registriert ist.

Folge: Nach der geplanten Mehrwertsteuerreform liegt eine einheitliche innergemeinschaftliche Lieferung vor, die in Frankreich umsatzsteuerpflichtig ist. Doch der deutsche Unternehmer muss sich in Frankreich nicht steuerlich registrieren lassen, weil der Kunde ein zertifizierter Steuerpflichtiger ist. In der Rechnung wird der Steuersatz des Bestimmungslands nicht ausgewiesen und der in Frankreich ansässige Kunde wird Steuerschuldner.

Geplante Neuregelungen für den E-Commerce (B2C)

Die Mehrwertsteuerreform in der EU umfasst zahlreiche Vorschriften, die den Warenverkauf im E-Commerce-Bereich vereinfachen sollen. Mit E-Commerce sind in dem Reformpaket vor allem folgende Umsätze gemeint:

  • Erbringung digitaler Leistungen über das Internet
  • Vertrieb von Waren vor allem an Letztverbraucher über das Internet

In dem Vorschlag zur Mehrwertsteuerreform der EU sind zwei Zeitpunkte vorgesehen, zu denen die EU-Mitgliedsstaaten die entsprechenden Regelungen in nationales Recht umzusetzen haben. Der erste Termin ist der 1.1.2019, der zweite Termin ist der 1.1.2021.

EU-Mehrwertsteuerreform: Umzusetzende Änderungen zum 1.1.2019

Zum 1.1.2019 sollen die Mitgliedsstaaten der EU hinsichtlich digitaler Leistungen insbesondere folgende von der EU-Kommission vorgeschlagene Änderungen zur Mehrwertsteuer in der EU in nationales Recht umsetzen:

  • Neue Bagatellgrenzen für digital erbrachte Leistungen
  • Vereinfachungen bei Rechnungsstellung

1. Neue Bagatellgrenzen für digital erbrachte Leistungen

Werden von einem in Deutschland ansässigen Unternehmer digitale Leistungen an Nichtunternehmer (B2C) in der EU erbracht, gilt grundsätzlich die Umsatzbesteuerung im EU-Staat des Empfängers. Das umfasst vor allem Telekommunikations-, Rundfunk- oder Fernsehdienstleistungen. Bagatellgrenzen gibt es bisher nicht. Deutsche Unternehmer müssten sich also ab dem ersten Euro an einen Privatkunden im EU-Ausland für Umsatzsteuerzwecke registrieren lassen und die ausländische Steuer ausweisen und abführen.

Im Rahmen der Mehrwertsteuerreform wird nun erstmals eine Bagatellgrenze vorgeschlagen. Danach werden Umsätze in einem anderen Mitgliedsstaat bis zu einem Höchstbetrag von 10.000 Euro pro Jahr nicht mehr im EU-Ausland (= Empfängerortsprinzip) umsatzsteuerpflichtig, sondern im Ansässigkeitsstaat. Unternehmer bekommen hier ein Wahlrecht, ob sie die Umsatzsteuerpflicht im Rahmen der neuen Bagatellgrenze ermitteln möchten oder nach den bisherigen Grundsätzen. An die Entscheidung ist der Unternehmer dann für zwei Jahre gebunden.

Praxis-Tipp: Vereinfachtes Meldeverfahren zu Mini One Stop Shop (MOSS)
Seit 2015 kann der deutsche Unternehmer jedoch schon auf das so genannte MOSS-Verfahren zurückgreifen. Bei diesem Verfahren muss sich der deutsche Unternehmer nicht in jedem einzelnen EU-Land registrieren lassen, in dem seine Privatkunden digitale Leistungen abgerufen haben. Es genügt, wenn der deutsche Unternehmer beim Bundeszentralamt für Steuern eine besondere Meldung einreicht und getrennt nach EU-Mitgliedsstaaten seine Umsätze mitteilt. Die Mitgliedsstaaten gleichen die Salden dann untereinander in einem Clearingverfahren aus.

2. Einfachere Rechnungsstellung

Erbringt ein deutsches Unternehmen digitale Leistungen an Nichtunternehmer in der EU, unterliegt es nach bisheriger Gesetzeslage den Rechnungsstellungsvorschriften des Besteuerungslandes. Das wiederum führt häufig dazu, dass selbst kleine Unternehmen einen Steuerberater im Ausland beauftragen müssen, der sie dahingehend berät, welche Rechnungsinhalte zu beachten sind.

Im Reformpaket zur Mehrwertsteuer in der EU ist vorgesehen, dass Unternehmer bei digitalen Leistungen an Nichtunternehmer in der EU, bei der Rechnungsstellung nur die Rechnungskriterien des Sitzstaates anwenden müssen. Die im Ausland geltenden Rechnungsstellungsvorgaben interessieren dann nicht mehr.

EU-Mehrwertsteuerreform: Umzusetzende Änderungen zum 1.1.2021

Zum 1.1.2021 sollen die Mitgliedsstaaten der EU im Rahmen der Mehrwertsteuerreform in der EU auch eine Regelung für den innergemeinschaftlichen Versandhandel von Gegenständen in nationales Recht umsetzen. Dabei ist insbesondere die Einführung einheitlicher Lieferschwellen hervorzuheben.

Vertreibt ein in Deutschland ansässiges Unternehmen über ein Online-Portal Waren an Privatpersonen in der EU, stellt sich die Frage, in welchem Land die Umsatzsteuer anfällt: in Deutschland oder in dem ausländischen Staat, in dem der Privatkunde lebt? Hier müssen deutsche Unternehmer sogenannte Lieferschwellen beachten. Diese sind in jedem Land unterschiedlich hoch. Während die Lieferschwelle in Rumänien bei 26.000 Euro im Jahr liegt, beträgt sie in Deutschland 100.000 Euro. Wird die Lieferschwelle in ein Land nicht überschritten, muss der deutsche Unternehmer deutsche Umsatzsteuer ausweisen und die Umsatzsteuer in Deutschland abführen. Wird die Lieferschwelle in einem Land überschritten, steht dem ausländischen Staat die Umsatzbesteuerung zu.

Im Rahmen der EU-Mehrwertsteuerreform sind nun einheitliche Lieferschwellen für alle EU-Mitgliedsstaaten in Höhe von nur noch 10.000 Euro vorgesehen. Wird diese Grenze überschritten, müssen die Umsätze im entsprechenden Mitgliedstaat abgeführt werden. Dies würde einen gewaltigen Mehraufwand für kleinere Versandhändler bedeuten. Allerdings soll das oben beschriebene MOSS-Verfahren mit seinen Erleichterungen ab 2021 auch auf den Versandhandel ausgeweitet werden.

Weitere geplante Neuregelungen für Kleinunternehmer im Überblick

An vielen Stellen in dem Entwurf zur Mehrwertsteuerreform der EU finden sich umsatzsteuerliche Erleichterungen für Kleinunternehmer. So soll mit der EU-Mehrwertsteuerreform eine EU-weit gültige – und vor allem einheitliche – Kleinunternehmerregelung geschaffen werden.

Kleinunternehmer sollen demnach Unternehmer sein, deren Umsatz in einem Mitgliedsstaat der EU maximal 85.000 Euro und in der gesamten EU nicht mehr als 100.000 Euro pro Jahr beträgt. Wer gemäß dieser Regelung der EU-Mehrwertsteuerreform Kleinunternehmer ist, muss keine Umsatzsteuer ausweisen, kann im Gegenzug aber auch keinen Vorsteuerabzug geltend machen.

Wer kein Kleinunternehmer nach dieser Regelung ist, dessen Umsätze innerhalb der EU jedoch pro Jahr den Schwellenwert von 2 Mio. Euro nicht übersteigen, profitiert von folgenden Erleichterungen:

  • Abgabe nur einer einzigen Umsatzsteuererklärung pro Jahr
  • Keine zwischenzeitlichen Umsatzsteuervorauszahlungen
  • Vereinfachte Rechnungsanforderungen
  • Kürzere Aufbewahrungsfrist zu umsatzsteuerlichen Sachverhalten
  • Erleichterungen bei umsatzsteuerlichen Registrierungen

Wann welcher EU-Staat welche Steuererleichterungen für Kleinunternehmer im Sinn der Mehrwertsteuerreform einführt, entscheidet jeder EU-Staat eigenständig. Wann in Deutschland Erleichterungen für Kleinunternehmer kommen, steht noch nicht fest.

Fazit: Da die Verhandlungen der Mitgliedstaaten um die geplante EU-Mehrwertsteuerreform noch nicht abgeschlossen sind, wird es mit Sicherheit noch die ein oder andere Änderung an den hier aufgeführten Regelungen geben. Für Kleinunternehmer, die ihre Waren und Dienstleistungen ins EU-Ausland verkaufen, macht es jedoch Sinn, sich bereits frühzeitig darüber zu informieren. Die geplanten Neuregelungen der Mehrwertsteuerreform dürften es in Deutschland ansässigen Klein- und Kleinstunternehmen künftig erleichtern, grenzüberschreitend im EU-Ausland tätig zu werden. Natürlich wird es wie bei jeder Neuregelung zunächst einigen Anpassungsbedarf in der Rechnungsstellung und in der Buchhaltung nach sich ziehen. Die künftigen Vorteile überwiegen jedoch.

Umfrage: Betrifft Sie die EU-Mehrwersteuerreform?

Wir möchten gerne wissen, inwieweit Ihr Unternehmen von den Regelungen der EU-Mehrwertsteuerreform betroffen ist. Hierfür würden wir Sie bitten, 4 kurze Fragen zu beantworten. Die Umfrage dauert ca. 3 Minuten. Alle Angaben werden anonym erfasst.


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