Kennzahlen: Was erfährt die Bank aus meiner Bilanz?

Anhand dieser Kennzahlen beurteilt Ihre Bank Ihre Bilanz und Unternehmensstruktur
Aktualisiert am: 11.04.2017

Wer sich Geld von einer Bank leiht, kennt deren unendliches Verlangen nach Informationen und betrieblichen Kennzahlen. Ein besonderes Interesse hat sie an der Bilanz eines Unternehmens. Wer weiß, was die Kennzahlen in der Bilanz den Banken verraten, kann verstehen, warum das so ist - und sich entsprechend vorbereiten.

Warum sind Kennzahlen so wichtig?


Bis auf ganz wenige Ausnahmen muss jedes Unternehmen zum Ablauf des Geschäftsjahres alle Vermögensteile und Schulden in einer Bilanz gegenüberstellen. Aufbau, Inhalt und Werte der Bilanz sind gesetzlich oder durch die Grundzüge ordnungsgemäßer Buchführung (GoB) vorgeschrieben. Die Daten für die Bilanz stammen aus der Buchhaltung, wo die einzelnen Bilanzkonten geführt werden.

Empfänger der Bilanz sind vor allem die Geldgeber. Großes Interesse daran haben auch die Gesellschafter und Eigentümer eines Unternehmens. Die Banken erhalten eine Kopie, die Lieferanteninteressen werden durch die Kreditversicherer vertreten, die ebenfalls über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens informiert werden wollen.

Damit die in den Bilanzen enthaltenen Zahlen vergleichbar werden, berechnen die Leser bestimmte Kennzahlen. Diese verdichten die Einzelpositionen der Bilanz zu aussagefähigen Größen. Die zeitlichen Veränderungen der Kennzahlen verraten wichtige Entwicklungen. Die Banken benutzen die Zahlen, um die wirtschaftliche Lage zu bewerten und ihr Rating des Unternehmens anzupassen.

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Wichtige Kennzahlen auf der Aktiva

Auf der Aktivseite der Bilanz werden die Vermögensteile dargestellt. Daraus berechnet die Bank Kennzahlen, um die Unternehmensstruktur zu beurteilen.

Anlagenintensität

Die Kennzahl Anlagenintensität beschreibt den Anteil des Anlagevermögens am Gesamtvermögen:

Anlagenintensität = Anlagevermögen / Gesamtvermögen * 100

Je nach Branche fällt die Beurteilung der Anlagenintensität anders aus. Bei einem Dienstleister ist die Anlagenintensität eher gering, ein Fertigungsunternehmen weist meist ein hohes Anlagevermögen aus, da Maschinen und Gebäude benötigt werden. Grundsätzlich muss ein sinnvolles Verhältnis zwischen Anlage- und Umlaufvermögen herrschen.

Da sich Maschinen und Gebäude in Notzeiten weniger schnell verwerten lassen als Rohstoffbestände, ist eine hohe Anlagenintensität weniger interessant für die Bank. Allerdings ist sie auch nicht zufrieden, wenn in der Bilanz nur alte und abgeschriebene Vermögensgegenstände stehen. Eine auf diese Weise niedrig gerechnete Anlagenintensität weist auf hohen Investitionsbedarf hin.

Umlaufquote

Die Umlaufquote ermittelt den Anteil des in der Bilanz ausgewiesenen Umlaufvermögens am Gesamtvermögen. Es ist das Pendant zur Anlagenintensität.

Umlaufquote = Umlaufvermögen / Gesamtvermögen * 100

Bei hoher Umlaufquote steht für den Notfall viel Vermögen für eine kurzfristige Verwertung zur Verfügung. So können zum Beispiel Forderungen im Factoring verkauft werden. Damit bringt die Bilanzposition „Forderungen aus Lieferungen und Leistungen“ einen entsprechenden Liquiditätsbeitrag. Eine hohe Umlaufquote kann aber auch auf zu hohe Lagerbestände oder auf Zahlungsprobleme der Kunden hindeuten.

Working Capital

Das Working Capital gibt an, wie viel kurzfristiges Kapital im Unternehmen gebunden ist. Weist die Bilanz wenig Working Capital aus, können finanzielle Mittel anderweitig eingesetzt werden. Ziel ist es, ein bestimmtes Ergebnis mit möglichst wenig Working Capital zu erreichen.

Working Capital = Umlaufvermögen – kurzfristiges Fremdkapital

Die Bilanz weist die kurzfristigen Vermögensteile wie Vorräte, Forderungen und liquide Mittel im Umlaufvermögen aus. Als Korrekturwert werden Zahlen von der Passivseite der Bilanz verwendet wie Verbindlichkeiten und Kontokorrentkredite. Um das Working Capital vergleichbar zu machen mit Werten anderer Unternehmen, wird es häufig in Bezug zum Umsatz gesetzt.

Working Capital (Umsatz) = (Umlaufvermögen – kurzfristiges Fremdkapital) / Umsatz

Zeitvergleich

Diese Strukturkennzahlen zeichnen ein verdichtetes Bild über den Vermögensaufbau des Unternehmens aus der Bilanz. Dabei kann jeder Wert in der individuellen Situation gut sein, niedrige Anlagenintensität oder hohes Working Capital müssen dann erklärt werden. Interessanter ist der Zeitvergleich dieser Kennzahlen. Dazu werden die Zahlen aus der aktuellen Bilanz mit denen aus der Vorjahresbilanz verglichen. Sinkt die Anlagenintensität, könnten fehlende Investitionen der Auslöser sein. Steigt die Umlaufquote, können fehlende Absätze zu hohen Lagerbeständen geführt haben. Verbesserungen im Working Capital können auf erfolgreiche Bemühungen zum Abbau von Forderungen hinweisen. Hier zeigt sich die Notwendigkeit, die Zahlen zu kennen, die Fragen der Bank vorwegzunehmen und die Bilanz mit persönlichen Erläuterungen abzugeben.

Wichtige Kennzahlen auf der Passiva

Besonders interessieren Banker die Daten zum Eigenkapital, das ja im Notfall vollständig haftet, und zum vorhandenen Fremdkapital. In den übersichtlichen Kennzahlen werden dabei auch die Lieferanten in Form der Verbindlichkeiten als Fremdkapitalgeber eingeordnet.

Eigen- und Fremdkapital in der Bilanz

Wie alle anderen Bilanzwerte auch, stammen die Daten zum Eigen- und Fremdkapital aus der Buchhaltung. Da die absolute Höhe des Eigenkapitals nicht aussagefähig ist, wird es ins Verhältnis gesetzt zum Gesamtvermögen:

Eigenkapitalquote = Eigenkapital / Gesamtkapital * 100

Das Gegenstück dazu ist die Fremdkapitalquote. Hier werden die übrigen Finanzierungsquellen als Fremdkapital mit dem Gesamtkapital verglichen:

Fremdkapitalquote = Fremdkapital / Gesamtkapital * 100

Das Gesamtkapital ist in der Regel identisch mit der Bilanzsumme. Je höher die Eigenkapitalquote ist, desto besser schätzt die Bank die Bilanz ein. Sie erwartet mindestens Quoten um 25 Prozent. Nur so ist sichergestellt, dass im Notfall ausreichend Reserven vorhanden sind.

Anlagendeckungsgrad

Das Anlagevermögen ist eine langfristige Investition des Unternehmens und kann in der Regel nicht ohne Verluste kurzfristig verwertet werden. Daher sollte es auch langfristig finanziert sein. Auskunft darüber, ob dies so ist, gibt der Anlagendeckungsgrad. Die Version I stellt fest, wie viel Prozent des Anlagevermögens durch das Eigenkapital, der langfristigsten Finanzierungsform, gedeckt sind:

Anlagendeckungsgrad I = Eigenkapital / Anlagevermögen * 100

Der Deckungsgrad II bezieht neben dem Eigenkapital das langfristige Fremdkapital mit ein:

Anlagendeckungsgrad II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen * 100

Der Anlagendeckungsgrad II sollte auf jeden Fall über 100 Prozent liegen, damit eine Balance gegeben ist zwischen langfristigen Schulden und langfristigen Vermögensteilen in der Bilanz. Werte weit über 100 Prozent bedeuten allerdings, dass auch kurzfristige Vermögensteile durch langfristige Schulden finanziert sind. Das kann zu Problemen führen, wenn Vorräte oder Forderungen abgebaut sind und die dagegen stehenden Schulden nicht abgelöst werden können.

Liquidität aus der Bilanz berechnen

Größte Erfolge im Verkauf sind unwichtig, wenn das Unternehmen seine Verbindlichkeiten nicht erfüllen kann. Darum sollte der Unternehmer dringend die Liquidität überwachen. Auch die Banken versuchen, aus den statischen Angaben in der Bilanz globale Aussagen über die Liquiditätslage des Kunden zu erhalten.

Liquidität 1. Grades

Diese Kennzahl aus der Bilanz gibt an, wie viel Prozent der kurzfristigen Schulden durch flüssige Mittel bezahlt werden könnten.

Liquidität 1. Grades = Flüssige Mittel / kurzfristiges Fremdkapital * 100

Zu den flüssigen Mitteln gehören Kassenbestände und Bankguthaben. Als kurzfristiges Fremdkapital gelten die Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung, Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten mit einer Laufzeit von weniger als 1 Jahr und kurzfristige Rückstellungen. Die Liquidität 1. Grades sollte 10 Prozent nicht unterschreiten.

Liquidität 2. Grades

Diese Kennziffer verwendet auch die Position „Forderungen“ aus der Bilanz, da diese ebenfalls kurzfristig realisierbar sind.

Liquidität 2. Grades = (Flüssige Mittel + Forderungen) / kurzfristiges Fremdkapital * 100

Liquidität 3. Grades

Die Liquidität 3. Grades prüft die Bilanz auf die Einhaltung der goldenen Finanzierungsregel. Diese besagt, dass langfristige Vermögensteile langfristig und kurzfristige Vermögensteile kurzfristig finanziert werden sollen:

Liquidität 3. Grades = Umlaufvermögen / kurz- und mittelfristiges Fremdkapital * 100

Bei Einhaltung der Regel ergibt diese Kennziffer aus der Bilanz 100 Prozent. Dann ist das Umlaufvermögen mit den kurzfristigen Vermögensteilen auch kurz- oder zumindest mittelfristig finanziert worden.

Bewertung der Kennzahlen aus der Bilanz

Die Bilanz ist ein statisches Dokument. Sie zeigt immer nur die Situation zu einem Stichtag. Daher ist für die Banken die Entwicklung der Kennzahlen von einer Bilanz zur anderen wichtig. Nimmt die Eigenkapitalquote ab, wird das kritisch hinterfragt. Steigt die Liquidität 1. Grades, wird das positiv vermerkt.

Kapitalgesellschaften müssen ihre Jahresabschlüsse, also auch die Bilanz, im elektronischen Bundesanzeiger veröffentlichen (www.ebundesanzeiger.de). Jedermann kann sich daher die beschriebenen und viele andere Kennzahlen errechnen. Ohne Erläuterungen kommt es dabei zu falschen Aussagen. Es lohnt sich also, bei wesentlichen Entscheidungen immer die Auswirkungen auf die Kennzahlen der Bilanz zu prüfen.

Beispiel aus der Praxis

Die vorliegende Bilanz eines kleinen Fertigungsunternehmens aus der Edelstahlbearbeitung weist im aktuellen Jahr mit Ausnahme der Liquidität 1. Grades noch akzeptable Werte auf. Erst der Vergleich mit dem Vorjahr zeigt eine dramatische Verschlechterung der Kapital- und Liquiditätskennzahlen.

Der Unternehmer hatte im vergangenen Jahr 100.000 EUR aus dem Unternehmen abgezogen. Die Kennzahlen zeigen das in der Veränderung der Kapitalquoten und der Anlagendeckung. Auch die Liquiditätsgrade haben sich verschlechtert. Mit Nachfragen der Bank oder anderer Empfänger der Bilanz ist zu rechnen.

Kennzahl 31.12. Vorjahr
Struktur Anlagenintensität 36,0% 34,8%
Umlaufquote 64,0% 65,2%
Working Capital 318.540 390.451
Kapital Eigenkapitalquote 28,2% 35,9%
Fremdkapitalquote 71,8% 64,1%
Anlagendeckung (Grad I) 78,3% 103,1%
Anlagendeckung (Grad II) 135,4% 170,2%
Liquidität Liquidität 1. Grades 0,5% 50,1%
Liquidität 2. Grades 70,5% 129,1%
Liquidität 3. Grades 107,0% 124,0%

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