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Risikomanagement im Unternehmen (3): Warum Sie gesellschaftliche Veränderungen stets im Blick haben sollten

Risiken und Praxis-Tipps zu Gesellschaftliche Veränderungen
Von Reinhard Bleiber
Aktualisiert am: 18.08.2015

Unternehmen haben Nachbarn, gehören zu einer Gemeinde, sind Teil ihrer Umwelt. Sie nutzen und gestalten die Infrastruktur ihrer Umgebung, werden durch rechtliche Strukturen geschützt, aber auch gezwungen. Das sollten Sie in Bezug auf Ihr Risikomanagement stets beachten. Der Grund: Veränderungen der gesellschaftlichen Werte und der öffentlichen Meinung betreffen auch Ihr Unternehmen – vor allem wenn es um regionale Aspekte geht, wie den Bau einer neuen Umgehungsstraße oder einer Müllverbrennungsanlage. Dieser Beitrag zeigt, wie Sie Risiken erkennen und gibt praxistaugliche Tipps, wie Sie darauf reagieren können.

Gleich vorab: Die Risikolage für jedes Unternehmen ist sehr individuell, da neben EU-weiten und nationalen Entwicklungen häufig vor allem regionale oder sehr lokale Entwicklungen zur Gefahr werden können. In den meisten Fällen ist vor allem ein Faktor entscheidend, um Risiken zu minimieren: Zeit. Wenn Sie Veränderungen rechtzeitig erkennen und entsprechend reagieren, bleiben Sie beherrschbar. Existenzgefährdend werden gesellschaftliche Veränderungen meist nur dann, wenn Sie ein Unternehmen unvorbereitet treffen. Hier gilt der alte Unternehmerspruch: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

Risikomanagement bei Veränderungen in der Gesetzgebung

Grundsätzlich gilt: Je weiter weg das gesetzgebende Organ vom Unternehmen ist, desto schwieriger ist es in der Regel, sich auf die Änderungen einzustellen oder diese gar zu beeinflussen. Umgekehrt sollten Sie Ihre Kontakte auf lokaler Ebene gezielt nutzen, um negative Entscheidungen zu verhindern.

  • EU-Gesetzgebung. Am weitesten von den Bürgern und Unternehmen entfernt sind die Behörden der europäischen Union. Für kleine und mittlere Unternehmen geht es darum, nicht von neuen EU-Gesetzen oder Richtlinien überrascht zu werden. Hier helfen die Branchenverbände, da diese meist sehr gut über Gesetzesvorhaben unterrichtet sind. EU-Vorhaben werden lange vor der eigentlichen Entscheidung veröffentlicht. Wer sich also regelmäßig damit auseinandersetzt, kann aufkommende Risiken erkennen.
  • Gesetzgebung des Bundes und der Länder. Nur selten werden umfangreiche Gesetzesvorhaben wie z. B. die Energiewende in kurzer Zeit durch die Parlamente gepeitscht. Systematisch arbeitende Unternehmen können frühzeitig Informationen sammeln. Aktive Verbandsarbeit kann in gewissem Maße Einfluss nehmen auf Gesetze in Deutschland. Die Mitarbeit in politischen Parteien sichert zumindest Informationen. Es schadet auch nicht, als Unternehmer die zuständigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten aller Parteien zu kennen. Presse, Verbände, Parteien und Ministerien sind Quellen für frühzeitige Informationen über neue Gesetze.
  • Regelungen auf Landkreis- oder Gemeindeebene. Landkreise, Städte und Gemeinden arbeiten oft schneller als Landes- und Bundesbehörden, wenn es um rechtlich bindende Entscheidungen geht. Die Stadt- und Gemeinderäte verhandeln meist öffentlich und sind für Unternehmer erreichbar. Ein Blick in die Tagesordnungen der Sitzungen informiert über Planungen. Viele Unternehmer arbeiten auch in den Gremien der Städte und Gemeinden mit. Ein lokales Netzwerk hilft Ihnen, die Risiken, die von Entscheidungen aus Stadt- und Gemeinderäten ausgehen können, frühzeitig zu erkennen und ggf. zu beeinflussen.

Risikomanagement bei Veränderungen in der Umweltwahrnehmung

Die Umweltpolitik ist ein gutes Beispiel für gesellschaftlichen Wandel: Bis in die 80er-Jahre waren Entsorgungskosten, Ausgaben für Filteranlagen oder ökologische Ausgleichsmaßnahmen für die Industrie kein nennenswerter Kostenfaktor. Das ist heute anders. Es gibt eine eigenständige Umweltpolitik und es gibt eine Wahrnehmung von Umweltverstößen, die in der Öffentlichkeit thematisiert und auch sanktioniert werden. Wird das öffentliche Interesse daran größer, z. B. weil überregionale Medien darüber berichten, ist die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben nur noch ein Aspekt. Der Kunde straft das Unternehmen auch dann, wenn es der Staatsanwalt nicht kann.

Sie sollten daher stets im Blick haben, welche Abfälle oder Emissionen Sie verursachen, wie Sie damit umgehen und wo Sie Kritikern ggf. Angriffsfläche bieten. Gleiches gilt beispielsweise für die Inhaltsstoffe Ihrer Produkte: Gibt es hier gesetzlich vorgeschriebene Grenzwerte? Gibt es Bestrebungen, diese zu ändern? Falls ja: Wie gehen Sie damit um?

Risikomanagement: Nachbarschaft und Infrastruktur

Jedes Unternehmen hat Nachbarn, die wiederum eigene Interessen haben. Vor allem kleine Unternehmen müssen sich beispielsweise häufig mit benachbarter Wohnbebauung beschäftigen.

Achtung: Alteingesessene Unternehmen vertrauen häufig auf ihre älteren Rechte, wenn um sie herum Wohnbebauung entsteht. Das kann problematisch sein, denn für viele Grenzwerte gibt es keinen Vertrauensschutz – und auch kein Gewohnheitsrecht. Sie müssen auch bei neuen Nachbarn oder bei Nachbarn mit neuen Empfindlichkeiten eingehalten werden.

Die Verkehrsanbindung. Für ein Unternehmen ist eine gute Anbindung an die Verkehrsinfrastruktur existenziell: Waren müssen transportiert werden, für Kunden und Geschäftspartner muss das Unternehmen gut erreichbar sein. Probleme in der Anbindung, z. B. durch die Sperrung einer LKW-Zufahrt durch ein Wohngebiet, führen häufig zu Zusatzaufwand und Ärger. Der Ausweg: Die lokale Entwicklung vor Ort muss beobachtet werden. Welche Meinungen gibt es? Wie sind diese politisch durchsetzbar? Ein Netzwerk von lokalen Partnern hilft dabei, Informationen rechtzeitig zu bekommen und ggf. Einfluss zu nehmen.

Neue Bebauungspläne. Manchmal werden Industriegebiete zu Gewerbegebieten umgewidmet, oder erhalten direkt angrenzende Wohn- oder Mischgebiete als „Nachbarn“. Plötzlich gibt es keine Ackerfläche mehr zwischen dem Unternehmen und den nächsten Wohnhäusern, sondern lediglich einen Erdwall. Auch in solchen Fällen drohen Konflikte. Sich rechtzeitig mit einer solchen Veränderung auseinanderzusetzen, bedeutet beispielsweise:

  • Die für das Unternehmen kritischen Bereiche in der Nachbarschaft werden identifiziert.
  • Eine systematische Beobachtung für diese Bereiche wird sichergestellt, die regelmäßige eventuelle Veränderungen in der rechtlichen Situation aufdeckt.
  • Zum Schutz des Unternehmens werden an die lokalen Behörden eigene Forderungen gestellt, z. B. indem das Unternehmen bestimmte Emissionen genehmigen lässt.
  • Lokale Netzwerke liefern wichtige Informationen.

Ansichten der Verbraucher. Neben der eigenen Gesundheit und der Umwelt sind Verbraucher auch für andere Themen sensibilisiert. So werden immer wieder Unternehmen wegen „falscher“ Lieferanten oder vermeintlich schlechter Behandlung der Mitarbeiter von Verbrauchern abgestraft. Beispiele dafür finden sich in der Fleischindustrie, im Versand-, aber auch im Lebensmittelhandel. Sorgen Sie als Kleinunternehmen deshalb dafür, dass Sie auf lokaler und regionaler Ebene auch in dieser Hinsicht einen einwandfreien Leumund haben, und treten Sie ggf. Gerüchten energisch und offensiv entgegen.

Beispiel aus der Praxis

Als der Bebauungsplan für einige benachbarte Grundstücke geändert werden sollte, war die GastroCheck GmbH noch gelassen. Als Großhändler für die Gastronomie transportiert die Gesellschaft viele Produkte mit mehreren eigenen Kühlwagen. Diese werden bereits am Vorabend geladen, um am nächsten Morgen frühzeitig auf Tour gehen zu können. Die Kühlaggregate der LKW müssen während der Standzeit auf dem Hof laufen und verursachen daher auch in der Nacht und am Wochenende Lärm und Abgase.

Um Ärger wegen der Lärmemissionen zu vermeiden, hatte der Unternehmer vor 20 Jahren seinen Geschäftssitz in ein neues Industriegebiet verlegt. Dort sollten keine Nachbarn Anstoß nehmen. Da nach 10 Jahren noch nicht viele der Industriegrundstücke verkauft waren, wandelte die Stadt das Industriegebiet in ein Gewerbegebiet um. Die GastroCheck GmbH bekam einen Handwerker als Nachbarn, der auch sein Wohnhaus auf dem Grundstück errichtete. Das ist in dem Gewerbegebiet erlaubt.

Der Ärger begann prompt. Der Nachbar beschwerte sich verständlicherweise über Lärm und Abgase, die in der Nacht und am Wochenende in sein Wohnhaus gelangten. Erst ein langwieriger und aufwändiger Prozess sorgte für Klarheit, die Kühlaggregate dürfen laufen, der Lärm ist hinzunehmen. Ob die Richter heute noch einmal so entscheiden würden, ist fraglich. Der Handwerker ist inzwischen allerdings weggezogen, das Haus beherbergt heute Büroräume. Damit ist die Situation derzeit unkritisch. Um aber nicht noch einmal in eine solche Situation zu geraten, hat der Unternehmer der GastroCheck GmbH reagiert. Er hat den Kontakt zu anderen Unternehmern gesucht, die im Stadtrat vertreten sind. Gleichzeitig besorgt er sich die Tagesordnungspunkte aller Bauausschusssitzungen. Vor einigen Wochen hat er darauf den Punkt „neue Baugebiete“ gefunden. Dieses Baugebiet hätte direkt an das Gewerbegebiet mit den Kühllastern gegrenzt. Das nächste Wohnhaus wäre keine 50 Meter entfernt gewesen. Der Ärger wäre unvermeidbar. Noch in der Sitzung wies der Unternehmer auf diese Problematik hin. Der Baudezernent hatte das benachbarte Industriegebiet mit den dort entstehenden Emissionen nicht nur der GastroCheck noch gar nicht berücksichtigt. Da die Planungen noch in einem sehr frühen Stadium waren, konnte die Gemeinde reagieren. Das neue Baugebiet liegt jetzt am anderen Ende der Stadt. Die Unternehmen im Industriegebiet können, ohne Nachbarn zu stören die Grenzwerte der Emissionen einhalten.

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