Wie kann ich eine drohende Zahlungsunfähigkeit erkennen und die Insolvenz vermeiden?/fileadmin/_processed_/7/0/csm_Insolvenz_verhindern_800x400px_8434776b1d.jpg 2020-10-22 Lexware

Wie kann ich eine drohende Zahlungsunfähigkeit erkennen und die Insolvenz vermeiden?

Von Ottfried Weiss
Aktualisiert am: 22.10.2020

Jedes Jahr werden Tausende Unternehmer in Deutschland insolvent – obwohl es vermeidbar gewesen wäre. Anfang 2021 werden so viele Insolvenzen in Deutschland erwartet wie noch nie. Denn dann läuft die aufgrund von Corona ausgesetzte Insolvenzantragspflicht wieder an. Wie Sie eine drohende Zahlungsunfähigkeit frühzeitig erkennen und richtig darauf reagieren, lesen Sie hier.

Corona-Sonderregelungen zur Insolvenzantragspflicht

Aufgrund der weltweiten Corona-Krise hat die Bundesregierung im „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der COVID-19-Pandemie im Zivil- und Insolvenzrecht“ neue Vorschriften zur Aussetzung der Insolvenzpflicht beschlossen. Das bedeutet im Klartext: In finanzielle Schieflage geratene Unternehmer müssen nicht innerhalb von drei Wochen nach Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag stellen. Stattdessen bekommen sie die Möglichkeit, eine drohende Insolvenz abzuwenden, indem sie staatliche Hilfen beantragen oder Sanierungsbemühungen vorantreiben.

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht galt zunächst bis zum 30.9.2020. Am 25.8.2020 wurde sie von den Spitzen der Großen Koalition bis zum 31.12.2020 verlängert. Allerdings nur für diejenigen Unternehmen, die zum Stichtag 30. September nicht akut zahlungsunfähig waren. Entscheidend ist außerdem, dass die Zahlungsunfähigkeit oder die Überschuldung nachweislich durch die Corona-Krise eingetreten ist.

Weitere Erleichterungen in diesem Zuge sind u. a.:

  • Gläubiger haben normalerweise die Möglichkeit, ein Insolvenzverfahren durch einen Insolvenzantrag zu erzwingen. Diese Möglichkeit wird für einen Zeitraum von drei Monaten eingeschränkt.
  • Kredite, die während der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht an Unternehmen gezahlt werden, die von der Corona-Krise betroffen sind, sind nicht als „sittenwidriger Beitrag“ zur Insolvenzverschleppung anzusehen. Durch diese Maßnahme sollen von Insolvenz bedrohte Unternehmen leichter an neues Geld kommen.
  • Für Zahlungen, die ein Geschäftsführer nach dem Eintritt der Insolvenzreife leistet, haftet er nur eingeschränkt.

Hinweise für ein drohendes Insolvenzrisiko

Es gibt zahlreiche Hinweise, die Unternehmer vor einem drohenden Insolvenzrisiko warnen. Vor allem folgende Kennzahlen und Indizien sprechen dafür, dass Zahlungsschwierigkeiten drohen:

  • Umsatz: Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr beziehungsweise zum Vorjahresmonat – insbesondere wegen der Corona-Krise – rückläufig.
  • Preisverfall: Die Preise für bestimmte Produkte geraten wegen Konkurrenzprodukten unter Druck und müssen gesenkt werden.
  • Rendite/Eigenkapital: Die Rendite sinkt und das Eigenkapital ist beinahe aufgebraucht.
  • Zahlungsmoral: Sie haben hohe Forderungen an Kunden, die nicht bezahlen – aus welchen Gründen auch immer.
  • Vorkasse: Ihre Geschäftspartner beliefern Sie nur noch gegen Vorkasse, weil Sie bereits häufig in finanziellen Schwierigkeiten waren.
  • Bank: Die Bank lässt wegen ungedeckter Konten Lastschriften zurückgehen.
  • Das Formular EÜR:  Wenn Sie als Einnahmen-Überschuss-Rechner beim Ausfüllen des Formulars für das Finanzamt ein Übergewicht der Ausgaben gegenüber den Einnahmen feststellen, sollten Sie rasch gegensteuern.

Tipp: Wenn Sie einen Steuerberater haben, lassen Sie ihn ihn im Rahmen einer Tax-Compliance-Prüfung Ihre Zahlungsfähigkeit beziehungsweise Liquidität analysieren.

Handlungsempfehlungen bei drohender Insolvenz

Wichtig: Aufgrund der Corona-Krise gibt es bei der Insolvenz zwar Erleichterungen. Doch selbst wenn Sie von den Sonderregelungen zur Insolvenzantragspflicht profitieren, sollte oberstes Ziel nach wie vor die Vermeidung der Insolvenz sein.

Sollte sich herausstellen, dass Ihr Unternehmen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht, haben Sie verschiedene Möglichkeiten, sich ohne Haftungsrisiken aus der Affäre zu ziehen. Ihr Ziel sollte es sein, die Insolvenz durch ein außergerichtliches Schuldenbereinigungsverfahren mit den Gläubigern zu vermeiden. Denkbar sind in diesem Zusammenhang zwei Vermeidungs-Szenarien:

  • Sie gehen auf Lieferanten und Gläubiger zu und bitten diese, auf einen Großteil der an Sie gerichteten Forderungen zu verzichten.
  • Sie suchen sich Partner, die gegen Einlagen ins Unternehmen aufgenommen werden.
  • • Führen die ersten beiden Vermeidungsstrategien nicht zum gewünschten Erfolg, kann der letzte Ansatz heißen: Retten Sie Ihr Unternehmen durch einen gezielten Insolvenzantrag.

1. An Gläubiger herantreten und auf drohende Insolvenz hinweisen

Die Insolvenz ist für Gläubiger die schlechteste aller Lösungen, weil sie nicht wissen, ob der Insolvenzverwalter das Unternehmen fortführt oder es liquidiert. Gläubiger haben es also bei einer Insolvenz nicht mehr selbst in der Hand, ob sie wenigstens einen Teil ihrer Forderungen eintreiben können.

Tipp: Nutzen Sie die Chance auf Teilerlass der Forderungen. GehenSie auf Ihre Gläubiger zu und bieten Sie ihnen an, z. B. 30 % der Forderung zu begleichen – wenn diese gleichzeitig auf die Restzahlung verzichten. Weisen Sie darauf hin, dass Sie andernfalls die Insolvenz beantragen. Die Chancen stehen gut, dass Ihre Gläubiger einverstanden sind, um bei einer Insolvenz nicht mit leeren Händen dazustehen.

2. Suchen Sie sich einen Partner als Geldgeber

Wollen Sie die Geschäftsbeziehungen zu Ihren Lieferanten und Gläubigern nicht aufs Spiel setzen, müssen Sie sich in der schwierigen Situation private Geldgeber suchen, die sich an Ihrer Firma beteiligen. Vorteil: Mit den Einlagen dieser neuen Mitunternehmer oder Gesellschafter wird die Zahlungsunfähigkeit verhindert. Nachteil: Sie können bei betrieblichen Entscheidungen meist nicht mehr eigenständig handeln.

Tipp: Der Steuerberater soll die optimale Beteiligungsform bestimmen. Hier kommt wieder der Steuerberater ins Spiel. Beauftragen Sie ihn damit, die optimale Beteiligungsform zu finden (Beteiligung, Mitunternehmerschaft, atypisch stille oder stille Beteiligung, Beteiligungsdarlehen (partiarisches Darlehen) etc.).

3. Retten Sie Ihr Unternehmen durch einen gezielten Insolvenzantrag

Manchmal ist die gezielte Insolvenz eine gute Lösung, um das Überleben des Unternehmens langfristig zu gewährleisten. Der Grund: Der vom Amtsgericht bestellte Insolvenzverwalter hat deutlich mehr Freiheiten als der Firmenchef; er kann beispielsweise kostspielige Arbeitsverträge lösen und dringend notwendige Entlassungen schneller durchsetzen.

Möglichkeiten in der Insolvenz

Die Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig die Liquidation der Firma. Das Unternehmen hat in der Insolvenz folgende Möglichkeiten:

  • Stille Insolvenz: Gläubiger verzichten auf einen Teil ihrer Forderungen.
  • Übertragene Sanierung: Die bisherige Gesellschaft wird liquidiert und eine Auffanggesellschaft gegründet, die die Geschäfte übernimmt.
  • Insolvenzplanverfahren: Die Gesellschaft wird weitergeführt, muss sich jedoch an ein gerichtlich überwachtes Sanierungskonzept halten.

Beispiel aus der Praxis

Die Sacher Elektronik GmbH hat seit Monaten finanzielle Probleme. Der Seniorchef Hans Sacher kann aber nicht einschätzen, worauf die finanziellen Schwierigkeiten zurückzuführen sind. Er beauftragt den Steuerberater, während der Erstellung des Jahresabschlusses auch nach den Gründen für die finanziellen Schwierigkeiten zu suchen.

Der Steuerberater vergleicht Umsätze, Verkaufszahlen, Gewinnaufschläge und Ausgaben mit den Ausgaben in den Vorjahren; dabei stellt er fest, dass die Verkaufspreise für eine Produktlinie wegen eines Konkurrenzprodukts deutlich zurückgegangen sind. Der Steuerberater findet außerdem heraus, dass der GmbH in 6 bis 8 Monaten die Zahlungsunfähigkeit drohen wird, wenn sich nichts ändert. Seniorchef Sacher entscheidet sich daher für eine Änderung der Produktpalette. Das Geld für diese kostspielige Umstrukturierung erhält er von einem privaten Investor, der als stiller Teilhaber in die Gesellschaft aufgenommen wird.

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