Digitalisierung im Einzelhandel: Liveshopping am Smartphone mit Couchbummel

Liveshopping am TV war gestern, heute funktioniert Liveshopping direkt am Handy – und zwar deutlich interaktiver und einfacher. Das Bremer Start-up Couchbummel ermöglicht Einzelhändlern einen schnellen Einstieg ins Zeitalter des e-Commerce in Echtzeit. Wie es zur App-Idee kam und warum damit persönliche Kundenbindung auch im Lockdown möglich ist, erfahren Sie in diesem Digitalisierungsbeispiel.

Digitalisierung im Einzelhandel mit Couchbummel
© Luis Alvarez – gettyimages.com

Das Unternehmen Couchbummel

Info

Unternehmensprofil

Name: Couchbummel (Lippmann, Janßen-Müller GbR)

Unternehmenssitz: Bremen

Gründungsjahr: 2021

Branche: Live-Commerce

MA-Anzahl: <10

Die Herausforderungen der Digitalisierung

Was hat Sie dazu bewegt, die App Couchbummel zu gründen?

Couchbummel entsprang zwar dem Lockdown, die Idee kam jedoch schon früher auf, mit einer Liveshopping-App in den E-Commerce Markt zu starten. Die Popularität von Live-Events über Social Media und Anwendungen wie Zoom, etc. stieg in den vergangenen Monaten deutlich, da soziale Interaktion zu einer Seltenheit geworden war und viele nach wie vor nach einem Miteinander, sei es auch in digitaler Form, strebten.

Mein Kommilitone Louis und ich reagierten auf diesen Umstand zunächst, indem wir einige Gastronomen zur Veranstaltung von Live-Cooking-Streams gewinnen konnten. Der Gastronom bereitete dabei seine Lieblingsgerichte im Livestream zu, während Zuschauer mitkochen und fleißig Fragen stellen konnten. Zuvor bestellten Zuschauer eine passende Kochbox mit den nötigen Zutaten und konnten somit das Live-Cooking hautnah miterleben – und das in der wohl härtesten Phase des Lockdowns. Diese Events kamen gut and und wir wurden als Organisatoren mit Dankesbekundungen seitens der Teilnehmer quasi überhäuft.

„Viele strebten nach wie vor nach einem Miteinander, sei es auch in digitaler Form.“

Ich denke, dass dieses überwältigende Feedback uns dazu motiviert hat, etwas Größeres auf die Beine stellen zu wollen. Und da Corona neben den von der Zwangsschließung gepeitschten Gastronomen auch hunderttausende Einzelhändler getroffen hatte, war in unseren Augen die Zeit reif, eine innovative Form des Online-Handelns zu entwickeln, die sich von den falschen Versprechungen der vielen Einzelhandels-Initiativen der vergangenen Jahrzehnte maßgeblich abgrenzen sollte.

Zusammenfassend konnten wir durch den Lockdown also Folgendes beobachten: Das Timing für eine lebendige, authentische Livestreaming-App, war durch Corona niemals besser gewesen. Zuschauer suchten nach „echter“ Interaktion und zugleich war der Druck, durch Digitalisierung als Einzelhändler neue Wege zu beschreiten, ebenfalls massiv erhöht. Der Markt um Liveshopping war neben den wenigen Events, die über Social-Media-Apps abgehalten wurden, unerschlossen und am ehesten durch Teleshopping-Anbieter wie QVC und ähnliche repräsentiert.

Diese Marktsituation motivierte uns im Oktober letzten Jahres als Gruppe von vier Software-Entwicklern Couchbummel ins Leben zu rufen. Inzwischen haben wir uns schon vergrößert und streben gemeinsam an, uns im Liveshopping-Bereich als führender Marktplatz zu etablieren.

Welche Prozesse wollten Sie mit Ihrer App digitalisieren?

Bei Couchbummel können Händler ihr Sortiment live anbieten und Zuschauer virtuell in ihrem Geschäft begrüßen. Die App ist ein digitaler Marktplatz mit Fokus auf Live- Produktpräsentationen und bietet somit Einzelhändlern, unabhängig von ihrer Größe, eine moderne Plattform, auf der sie sich und Ihr Geschäft auf individuelle Weise präsentieren können. Die Kombination aus interaktiven Livestreams mit integriertem Shopsystem ist ein Alleinstellungsmerkmal unserer App und sucht deutschlandweit ihresgleichen. Gerade in der jetzigen Situation bieten wir Einzelhändlern hiermit eine innovative Möglichkeit, für ein breites Publikum sichtbar zu sein und ihre Produkte unkompliziert zu verkaufen.

Unser Ansatz zielt darauf ab, dem Nutzer ein persönliches, authentisches Shopping Erlebnis zu bieten, bei dem die Produkte von Experten ihres Faches präsentiert werden. Der Verkauf von Produkten in Livestreams bringt im Vergleich zu konventionellem E-Commerce viele Vorteile mit sich, von der sowohl Kunden als auch Händler profitieren. Der Verkäufer kann seine Kernkompetenzen der individuellen Beratung und fachlichen Expertise einbringen. Er repräsentiert damit sein Geschäft auf persönliche Weise und definiert sich nicht nur über ein Sortiment, welches dann auf einem herkömmlichen Webshop oder aber auf den vielen Marktplätzen vertreten ist.

Kunden hingegen können die Qualität der Produkte durch die Live-Präsentation völlig anders beurteilen und der Kauf wird nicht länger nahezu anonym vollzogen, wie es sich durch die Dominanz der Online-Marktplätze in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Probleme wie die Identifizierung von Fake-Produktbewertung und China-Schrott treten somit wieder in den Hintergrund. Insofern digitalisiert Couchbummel einen authentischen hochwertigen Einkaufsprozess, der durch Interaktion und Authentizität statt Preiskampf und Anonymität geprägt ist.

Couchbummel soll jedoch nicht nur den Online-Handel durch Aspekte des Einzelhandels revolutionieren, sondern auch die sonstigen Online-Präsenzen der Händler obsolet machen. Statt aufwendig gepflegte Instagram-Accounts und täglich Posts zu erstellen, sollten Shops eher die Zeit haben, sich auf ihr Kerngeschäft der Produktberatung und des Verkaufs zu konzentrieren.

In welcher Branche haben die Gründer:innen zuvor gearbeitet? Stammen sie ursprünglich aus dem Einzelhandel?

Alle Gründer:innen sind zurzeit als Bachelor- bzw. Masterstudierende in unterschiedlichen Fächern im Bereich Informatik und digitale Medien eingeschrieben. Erfahrung bringt das Team insbesondere in der Software-Entwicklung und -Architektur im E-Commerce Bereich, sowie im Vertrieb mit. Einen klassischen Einzelhändler haben wir nicht unter unseren Mitarbeiter:innen, jedoch führen wir mit Dutzenden einen engen Dialog, um Läden dort abzuholen, wo sie momentan stehen.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie von der Ideenfindung bis zum Go-Live der App zu kämpfen?

Wie für E-Commerce Anwendung dieser Komplexität üblich, war es eine größere Herausforderung, die Anforderungen stets auf ein Minimum zu reduzieren. Hinzu kommt, dass die App eine Livestreaming-Architektur benötigt, und aus diesen Gründen eine hohe technische Anforderung hat. Viele Shops bringen einer Innovation wie der Couchbummel-App zunächst Skepsis entgegen, nicht zuletzt, weil in der vergangenen Zeit immer wieder Initiativen starteten, die Einzelhändler bei der Digitalisierung wegweisend unterstützen sollten, sich jedoch als Fehlinvestition herausstellten. Keiner dieser Ansätze hat sich bis heute bewährt, weswegen starke Überzeugungsarbeit gefragt ist.

 

„Viele Shops bringen einer Innovation wie der Couchbummel-App zunächst Skepsis entgegen.“

 

Die Nachfrage auf Händlerseite ließ sich jedoch in unserem Fall sehr schnell aktivieren, da in wenigen Minuten einfach ein Account erstellt werden kann, von dem aus Livestreams gestartet werden können. Außerdem hatten wir Glück, dass wir die Unterstützung prominenter Teilnehmer der VOX-Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ hatten, die Couchbummel von Anfang an mit Begeisterung aufgenommen haben.

Wie lange dauerte die Entwicklungszeit der Couchbummel-App – von der Projektaufsetzung bis zur Nutzung im realen Geschäft?

Das Projekt wurde agil umgesetzt und in mehreren Iterationen erweitert. Der erste Prototyp, der für die öffentliche Verwendung im Google Play Store und App Store veröffentlicht wurde, hatte eine Entwicklungszeit von sechs Monaten. Die App erhält seitdem ca. alle zwei Wochen ein Update mit Komfort-Funktionen für die Händler, sowie Features, die das Angebot für Kunden interessanter gestalten.

Die technische Umsetzung wurde vom Team in-House durchgeführt, insbesondere bei der Anforderungserhebung wurde das Team um Couchbummel jedoch regelmäßig von Marketing- sowie E-Commerce-Experten beraten.

Die Ergebnisse des Digitalisierungsprojekts

Wie viele Unternehmen sind bereits an Ihre App angebunden?

In den ersten zwei Monaten registrierten 40 Händler einen Shop über die App, welche uns auch freundlicherweise für die Evaluation zur Verfügung stehen. Bis zum Jahresende rechnen wir damit, mit 500 Händlern einen bunten, lebendigen Marktplatz zu erschaffen, der für hohe Produktqualität und unterhaltsame sowie informative Live-Events steht.

Mit dabei sind auch bekannte Gesichter aus der letzten Staffel der erfolgreichen VOX-Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“, wie Twentyless, Mama Wong oder Knödelkult, aber auch kleine Manufakturen und Einzelhändler.

Wie haben Einzelhändler und Manufakturen auf Ihre App reagiert?

Durchweg gut. Im Zuge eines lokalen Shopping-Marathons organisiert zusammen mit der lokalen Wirtschaftsförderung in Bremen hatten beispielsweise elf Einzelhändler und Manufakturen die Möglichkeit die App auszuprobieren. Das Feedback der Teilnehmer war durchweg positiv, insbesondere die Benutzung der App inklusive der Shop-Erstellung, Einpflegen der Produkte und Starten der Live-Events war laut Aussage der Teilnehmer einfach und intuitiv. Dies berichteten selbst Einzelhändler, welche sich nicht zur Gruppe der Technikaffinen zählen.

Können Sie erklären, wie Einzelhändler und Manufakturen von Ihrer App profitieren?

Händler bekommen mit Couchbummel die Möglichkeit ihre Produkte einem Publikum vorstellen zu können, welches die Produkte mit einem „Klick“ erwerben kann. Darüber hinaus kann der Zuschauer die Qualität der vorgestellten Produkte selbst beurteilen und Fragen stellen. Das führt nachweislich zu einer erhöhten Kaufbereitschaft seitens der Kunden. Weitere Kaufanreize werden außerdem dadurch erschaffen, dass die Verkäufe innerhalb eines Live-Events sichtbar sind und die Zuschauer sehen, dass auch andere gerade einkaufen.

Couchbummel ist zudem äußerst zeiteffektiv nutzbar, da die Liveshows keiner großer Vor- oder Nachbereitung bedürfen. Während für die Erstellung eines Werbevideos oder zur Umsetzung einer Content-Strategie zum Teil dutzende Stunden einfließen müssen, investiert man bei Couchbummel seine Zeit unmittelbar in den Produktvertrieb. Liveshows werden außerdem gespeichert und können für die Verwendung auf anderen Plattformen einfach heruntergeladen werden. Somit spart man sich insbesondere Zeit bei der Bereitstellung von produkt- bzw. shopbezogenem Video-Content und kann die Effekte anhand der Produktverkäufe über Livestreams direkt messen.

Ein weiterer Vorteil, der mit einer enormen Zeit- bzw. Aufwandersparnis verbunden ist, liegt in der Generierung von Reichweite. Während bei Social Media Apps zunächst ein Publikum („Follower“), mühselig, über längere Zeit erarbeitet werden muss, adressiert man bei Couchbummel mit Live-Events potentiell die gesamte Nutzerschaft. Die Events sind für jeden Nutzer sichtbar, indem bei jedem Livestream eine Benachrichtigung mit einer Ankündigung des Events versendet wird.

Was können Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen raten, die ihre Geschäftsprozesse mit Hilfe der Digitalisierung optimieren möchten?

Es ist zwar nicht leicht aber enorm wichtig genau zu beobachten, welche Maßnahmen sich mittel- bzw. langfristig in einer Erhöhung der Reichweite, Steigerung der Interaktion und letztlich in höheren Umsätzen widerspiegeln. Wenn Shops über einen Instagram-Account verfügen, sollten sie sich fragen: Wer sind meine momentanen Follower? Wen erreiche ich mit meinen Werbekampagnen und wie muss ich als „Creator“ performen, um für Social- Media-Konsumenten attraktiv zu sein?

Wenn all diese Fragen ein Unbehagen in dem oder der Leser:in hervorrufen, würde ich jedem empfehlen, Couchbummel einer Social Media App vorzuziehen. Die Produktpräsentation erfordert den Einsatz von Kernkompetenzen des Verkaufs und keine besondere Hingabe bei der regelmäßigen Erstellung von Posts, wie es bei Social Media App verlangt wird.

Ausblick: Wie geht es weiter mit Couchbummel?

Gibt es bereits Planungen, die App bzw. Ihr Angebot weiter auszubauen?

Wir wollen natürlich nicht zu viel verraten, aber eine der größten Neuerungen ist eine Web-Version der App. Hiermit wollen wir insbesondere die Einstiegshürden für Zuschauer verringern, um sich Live-Events noch einfacher anzusehen und die Shops damit auf persönliche Art und Weise kennenzulernen.

Außerdem erfolgt momentan die Implementierung einer fortgeschrittenen Livestreaming-Architektur, sodass 1-8 Personen gleichzeitig in einem Stream auftreten können. Auf diese Weise können sich z. B. mehrere Verkäufer den „Ball zuspielen“ oder interessierte Kunden im Stream dazu holen, die sich dann individuell beraten lassen.

Wie könnte Ihre digitale Lösung künftig das Geschäft von Einzelhändlern verändern?

Wir wollen den Händlern mit Couchbummel eine Perspektive aufzeigen, wie sie Online-Handel betreiben können, ohne
a) Social-Media-Präsenzen regelmäßig mit Content zu bespielen um ihre Reichweite vermeintlich zu erhöhen,
b) eigene Webshops zu eröffnen.

Darüber hinaus geben wir Händlern die Möglichkeit ihre Produkte einem großen Publikum live vorstellen zu können, um so Kaufanreize beim Kunden zu schaffen.

Unsere Lösung könnte das Geschäft von Einzelhändlern insofern verändern, dass diese regelmäßig, beispielsweise auf wöchentlicher Basis Einblicke in ihr Sortiment geben und Kunden so digital in ihrem Geschäft begrüßen.

Wie sehr ist es für Sie relevant, was derzeit im asiatischen Online-Retail-Markt passiert?

Relevant ist es für uns daher, da unter südostasiatischen Bedingungen bereits große Erfolge mit Livestream-Shopping errungen werden konnten. Jahresumsätze, die ein CocaCola-Volumen in den Schatten stellen, sind natürlich beeindruckend und lassen jede:n Investor:in aufhorchen.

In China, The Future of Shopping Is Already Happening
10:52

Mehr zum Livestream e-Commerce-Markt in Asien (Video auf Englisch)

Unterscheiden muss man jedoch ganz klar den technologischen Fortschritt in Fernost, sowie dessen Verankerung in der Gesellschaft. Außerdem sind die bekannten Konzepte meist auf das Influencer-Marketing ausgerichtet, wovon sich unser Ansatz aktuell deutlich unterscheidet.