Digitalisierung im Einzelhandel: Die Zukunft ist digital

Beim Thema „Digitalisierung“ denken die meisten an Amazon und Google. Doch auch der lokale Einzelhandel kann von Digitalisierung profitieren. Durch Corona wird die Suche nach neuen Ideen immer dringlicher. Ömer Atiker bietet in diesem Artikel Denkanstöße, wie auch kleinere Einzelhändler mit kleinen Schritten Großes erreichen können.

Digitalisierung im Einzelhandel Zahlung via Handy in einer Bäckerei
[Westend61] via Getty Images

Einzelhandel im Wandel

Einzelhandel und digital: Das klingt so richtig schwierig. Leere Innenstädte, explodierender Online-Handel, Influencer statt echter Beratung. Und dann noch Corona! Wer braucht da noch Geschäfte?

Eine Studie zur Situation der Selbstständigen in der Corona-Krise zeigt ein Digitalisierungsdefizit im stationären Einzelhandel. Doch ganz so schwarz sieht es nicht aus. Der Handel hat sich schon oft verändert: Vom fahrenden Händler zum Laden, dann weiter zum Supermarkt, zu Warenhäusern, Katalog-Versandhandel, Shopping Malls und den Großflächen am Stadtrand. Dann kriegen wir digital doch auch hin!

Digitalisierung: Worum geht es eigentlich?

Zwar hat es jeder schon einmal gehört, aber was genau ist denn „digitale Transformation“?

Nun, jedes Unternehmen, ob Händler oder Produzent,

  • ist eine Organisation (viele Menschen arbeiten zusammen),
  • die Werte schafft (den Mehr-Wert) und
  • diesen Mehrwert verkauft.

Digitale Transformation umfasst diese drei Ebenen und bedeutet

  • sich digital besser zu organisieren,
  • Mehrwert leichter und schneller zu erzeugen (oder gar ganz neue Werte erschaffen) und
  • diese Werte digital besser, leichter und weitreichender zu verkaufen.

Leicht gesagt, aber für viele ist eine steile Lernkurve nötig. Lassen Sie uns also schauen, wie diese drei Bereiche Sie digital nach vorne bringen.

1. Digital besser organisiert

Sobald Sie mehr als einen Mitarbeiter haben, müssen Sie die Arbeit organisieren. Dafür gibt es die „großen“ Sachen, wie die Warenwirtschaft und die Buchhaltung. Die laufen schon lange auf Computern. Bei der Qualität, den Möglichkeiten, dem Interface – da gibt es riesige Unterschiede. Wer ein schickes Smartphone gewohnt ist, der findet diese grauen Schirme voller Text und Daten sehr befremdlich.

Übrigens haben dieses Problem auch andere Firmen. Banken und Fluggesellschaften haben oft riesige, uralte Systeme, für die es schon keine Programmierer mehr gibt. Bessere Organisation durch Digitalisierung heißt also:

1. Gute Software sieht gut aus und ist wirklich einfach zu bedienen

Wir brauchen nicht immer die große Alles-auf-einmal-Lösung, das eine Programm, die eine zentrale Datenbank, die alles kann. Inzwischen gibt es dank der App-Stores lauter kleine Programme, die uns das Leben leichter machen. To-do-Listen, Kontakte, Projektmanagement, Merkzettel, Daten teilen – jedes dieser Programme löst nur eine einzige Aufgabe, aber die löst es perfekt! Und viele Apps haben sogar Schnittstellen zu anderen, so dass man sie kombinieren kann. So eine App kostet dann auch nur ein paar Euro, die sich auf jeden Fall lohnen.

2. Definieren Sie Ihre Aufgaben. Und finden Sie dann Apps, die diese Aufgaben erleichtern

Nach einem Jahr Pandemie und Homeoffice gibt es einen Punkt, den wir wirklich angehen müssen: Üben! Denn es ist wirklich frustrierend, wie wenig Routine wir beim Arbeiten auf Abstand haben, noch immer.

Unser wichtigstes Werkzeug beherrschen wir oft nur gerade so. Und gerade bei Videokonferenzen ist es immer dasselbe Theater: „Kannst Du mich sehen?“; „Du bist noch stumm.“; „Wie teile ich meinen Bildschirm?“ Das sollten wir inzwischen wuppen wie das Brezelbacken!

Nehmen Sie sich die Zeit, gern auch zu zweit oder mit fachlicher Hilfe, und lernen Sie, Ihre Computer zu bedienen. So ganz elegant und selbstverständlich. Das klingt etwas banal, bringt aber eine Menge.

3. Werden Sie Profi in der Nutzung Ihrer Geräte

Zusatztipp: Wer ganz effizient sein will und es noch nicht kann, der lernt 10-Finger-Tippen. Über die Jahre spart das enorm viel Zeit und Nerven.

2. Durch Digitalisierung Werte schaffen

Wofür zahlen Ihre Kunden? Am Ende sind das drei Dinge: Das Produkt, der Service und das Image. Das Produkt ist klar, Geld gegen Ware. Lieber habe ich als Kunde weniger Geld und dafür das Produkt, denn damit ist mein Leben etwas besser: Leichter, schneller, bequemer, sicherer. Ich habe mehr Möglichkeiten und mehr Freiheit. Sprich: Das Produkt ist ein Mittel zum Zweck.

Das gilt genauso für den Service. Ob Lieferung, Reinigung, Catering, Internet-Anschluss oder Weiterbildung: Der Service macht unser Leben etwas besser, und deswegen zahlen wir dafür.

Ganz abstrakt ist das Image: Auf der teuren Rolex ist es genauso spät wie auf der billigen Casio. Aber sie ist eben auch ein Zeichen von Reichtum und damit Erfolg, Stichwort: Statussymbol.

1. Steigern Sie den Wert Ihrer Produkte, Ihrer Services oder verbessern Sie Ihr Image.

Große Kisten auspacken und kleine Päckchen verkaufen, das kann Amazon besser. Also müssen Sie bieten, was Amazon nicht kann. Entwickeln Sie Ihre eigene Digitalisierungsstrategie.

Sie können heutige Werte besser liefern. Machen Sie es ihrem Kunden leichter, bei Ihnen zu kaufen! Pandemie? Dann bauen Sie einen wirklich einfachen Prozess, um Termine zu vereinbaren. Kundendaten müssen erfasst werden? Dann schauen Sie, wie das möglichst leicht geht – und wie es spätestens beim zweiten Besuch mit einem Klick zu machen ist.

Beim Bio-Metzger standen die Leute letzten Sommer in der Schlange um den Block. Was macht der? Er lässt Bestellungen per WhatsApp zu, schnürt die Pakete, dann muss man nur noch abholen und zahlen. Bezahlen mit Apple Pay? Kein Problem, benötigt nur ein bisschen Hard- und Software. Click & Collect geht auch völlig umsonst, man muss sich nur darauf einlassen.

2. Nutzen Sie bestehende Technologie, um Ihren heutigen Mehrwert noch leichter zu bieten

Sie können aber auch ganz neue Werte schaffen. Ein paar Beispiele:

  • Teilen Sie Ihr Wissen
    Zeigen Sie, dass Sie Ahnung haben, geben Sie echte Ratschläge und Empfehlungen. Wer Ihren Rat sieht und ihn befolgt, der vertraut Ihnen. Das machen große Baumärkte ebenso wie manch kleiner Metzger.
  • Unverpackt
    Toll, dass es Online-Shops gibt. Aber die Berge an Pappe, die jede Woche anfallen, sind lästig und nicht gut für die Umwelt. Also möglichst wenig Verpackung! Von Gemüsenetzen bis Unverpackt-Läden ist vieles möglich.
  • Mein Freund, der Verkäufer
    Im Lockdown ist Einkaufen oft die letzte soziale Interaktion im Leben. Und jemand, der Sie kennt und berät, ist in diesen Zeiten echt etwas wert. Machen Sie Einkaufen wieder zu einem Erlebnis. Machen Sie, was Online-Shops nie bieten können!
  • Persönliche Produkte
    Sie können Produkte individualisieren. Das kriegen Massenmarken wie Coca-Cola und Nutella hin, das macht Starbucks mit dem Filzstift. Schnüren Sie passende Bundles, bieten Sie neue Services, verbessern Sie Bestehendes.

3. Digital besser verkaufen im Einzelhandel

Digital bietet so viele Möglichkeiten, besser zu verkaufen! Sie müssen nur näher an Ihre Kunden.

  • Kaufen ohne Kasse
    Wozu ewig an der Kasse anstehen, wenn schon beim Aussuchen alles erfasst und beim Rausgehen abgerechnet wird? Die heutigen „Schnellkassen“ zum Selberscannen sind eher nervig als nützlich, aber das wird sich bald ändern.
  • Nutzen Sie das Handy der Kunden
    Bieten Sie auf Ihrer Website oder mit einer kleinen App Leistungen, die man wirklich braucht. Ein paar Ideen: Die Sonderangebote, den Weg zum Waschmittel, vielleicht sogar einen Routenplaner auf Basis des Einkaufszettels. Rabattaktionen, Punkte sammeln, Up- und Cross-Selling („zu diesem Essen passt dieser Wein“), Personalisierung („Ihre Lieblingssorte ist heute im Angebot“). Warum nicht Pokémon Go mit Produkten im Laden? Bestellplakate in der U-Bahn? Da sind wir in Europa noch sehr hintendran.
  • Verkaufsautomaten
    In ländlichen Gegenden etablieren sich die Automaten. Fleisch beim Metzger, Obst beim Bauern, Milch aus dem Milchhüsli – immer frisch, immer regional. Und das ganz ohne Personal und Ladenfläche.
  • Social Media
    Ja, es ist fremd und wild da draußen. Aber Marken bauen sich in den kommenden Jahren über Social Media auf, Influencer gewinnen Reichweite und damit Macht.
    Sie können das Alles albern und oberflächlich finden – oder Sie können sich überlegen, wie Sie dabei erfolgreich mitspielen.
  • Community
    Ob Mode, Essen oder Spiele: Wenn Sie es schaffen, Kunden zu echten Fans zu machen, dann müssen Sie sich um den Umsatz keine Sorgen machen.

Digitalisierung im Einzelhandel bedeutet auch: Ändern Sie Ihr Selbstverständnis. Werden Sie Dienstleister, Problemlöser und Partner statt nur Logistiker. William Gibson sagte so schön „Die Zukunft ist schon da. Sie ist nur ungleich verteilt.“
Greifen Sie sich Ihr Stück Zukunft, dann können Sie sie selbst gestalten!