Digitalisierung im Handwerk – Interview mit dem baden-württembergischen Handwerkstag e. V.

Für viele Branchen wurde die Coronapandemie zu einem Katalysator für Digitalisierungsprozesse – so auch im Handwerk. Wir haben mit Sebastian Rajca – Abteilungsleiter für Technologie-, Digitalisierungs- und Innovationspolitik im Baden-Württembergischen Handwerkstag e.V – zum Thema Digitalisierung im Handwerk gesprochen und interessante Einblicke erhalten.

Sebastian Rajca ist Abteilungsleiter für Technologie-, Digitalisierungs- und Innovationspolitik im Baden-Württembergischen Handwerkstag e.V. Seine Abteilung setzt sich für geeignete informationstechnische, strukturelle und förderpolitische Rahmenbedingungen ein und macht es dem Handwerk dadurch möglich, davon zu profitieren. Eine bessere Vernetzung mit der Wissenschaft und Forschung sowie die Einbindung in branchen- und technologiebezogene Innovationsnetzwerke stehen dabei im Vordergrund, wenn es darum geht, Innovationsbedarfe im Handwerk einzubringen.

Guten Tag Herr Rajca, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Wie haben Sie als Ansprechpartner für Digitalisierungs- und Innovationspolitik die vergangenen eineinhalb Jahre erlebt? Wie stark hat die Coronapandemie das Handwerk in Deutschland getroffen?

Die Corona-Pandemie war auch für das baden-württembergische Handwerk ein Katalysator für Digitalisierungsprozesse. Wo persönliche Kontakte eingeschränkt waren, mussten digitale Lösungen geschaffen werden. Das hat die Betriebe nicht nur im Umgang mit Kund:innen, sondern auch intern vor Herausforderungen gestellt.

Allerdings hat sich gezeigt, dass das Handwerk insgesamt krisenfest ist. Gewerke, die von Schließungen direkt oder mittelbar betroffen waren, hatten jedoch teils extreme Umsatzeinbrüche zu verkraften. Im Vergleich zu anderen Branchen kommen wir beispielsweise hinsichtlich abgeschlossener Ausbildungsverträge wie auch gesamtwirtschaftlich betrachtet bisher gut aus der Krise.

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung Handwerksbetrieben und vor welchen Herausforderungen stehen sie?

Die Möglichkeiten der Digitalisierung für Handwerksbetriebe sind nahezu unendlich. Jedes Gewerk kann durch digitale Technologien auf seine eigene Weise profitieren. Ein Beispiel: Eine Bäckerei kann durch den geschickten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ihre Produktionsmengen deutlich optimieren, damit einerseits den Ertrag steigern und andererseits Lebensmittelverschwendung vorbeugen. Auch Wartungs- und Serviceangebote werden durch Sensortechnik und effiziente Datenauswertung passgenauer möglich –  Handwerker:innen können in Zukunft kommen, bevor der Schaden so groß ist, dass ein kompletter Austausch von Elektrotechnik nötig ist. Wir sprechen hier von „predictive maintenance“ – vorhersagbarer Instandhaltung.

Jedes Gewerk kann durch digitale Technologien auf seine eigene Weise profitieren.

Diese Beispiele sind keine Fiktion, schon heute begleiten wir Umsetzungsprojekte, die sich diesen Themen angenommen haben. Am Ende gilt es, zentrale Investitionen nicht hinauszuzögern und das eigene Geschäftsmodell regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Hier unterstützen wir selbstverständlich durch unsere Beratung für Handwerk und Mittelstand (BWHM GmbH).

Wo haben Handwerksbetriebe derzeit den größten Nachholbedarf?

Mit Blick auf die Vielseitigkeit des Handwerks und die Unterschiede der einzelnen Gewerke an sich ergeben sich ganz unterschiedliche Bedarfe. Eine zentrale Herausforderung ist für viele Betriebe aktuell sicherlich, eine entsprechende Grundlage an digitalisierten Daten zu schaffen, um hieraus Geschäftsmodelle zu entwickeln und digitale Technologien aufzusetzen.

Tipp

Der Digital Readiness Check von Lexware: Wie digital ist Ihr Unternehmen?

Ist Ihr Betrieb auf die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung vorbereitet? Oder wissen Sie noch gar nicht, mit welcher digitalen Baustelle Sie sich als Erstes beschäftigen sollen? Finden Sie mit unserem „Digital Readiness Check“ heraus, wie weit Sie sind und erhalten Sie hilfreiche Empfehlungen und Tipps.

Wie in so vielen anderen Branchen hat die Coronapandemie dem Handwerk einen Digitalisierungsschub verpasst. Was davon ist Ihrer Ansicht nach von Dauer? Und was wird verschwinden, sobald die Pandemie vorüber ist?

Die Webpräsenz von Handwerksbetrieben hat – bedingt durch die Einschränkung von persönlichen Kontakten –  weiter zugenommen; die Kundschaft wurde vermehrt virtuell beraten. Das sind Dinge, die in der digitalen Welt aber ohnehin unerlässlich werden. Deshalb werden wir daran weiterarbeiten. Verschwinden wird aber sicherlich die Kontaktminimierung untereinander. Handwerker:innen können nicht einfach ins Homeoffice, das Handwerk lebt von der Arbeit und Wertschöpfung vor Ort.

„Das Handwerk lebt von der Arbeit und Wertschöpfung vor Ort.“

Das gilt natürlich auch und im Besonderen für die Ausbildung. Das Lernen im Betrieb und in den Bildungszentren lässt sich nicht komplett digital abbilden, es geht hier ums Erleben und gemeinsames Erarbeiten. Das kann und muss im Sinne einer „Ausbildung 4.0“ aber weiterhin von digitalen Tools begleitet werden, denn die Digitalisierung des Handwerks beginnt natürlich bereits in der Ausbildung.

Schweißen, schrauben, reparieren: Das Handwerk lebt vom persönlichen Austausch und einem direkten Kundenkontakt. Wie können digitale Lösungen Ihrer Ansicht nach dennoch dafür sorgen, dass Handwerksbetriebe ihre Zukunft sichern?

Digitalisierung muss nicht zwangsläufig disruptiv sein, sie bietet auch enorme Chancen für Betriebe, die es zu ergreifen lohnt. Noch vor dem persönlichen Austausch und direkten Kundenkontakt steht etwas Entscheidendes: die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit von Betrieben. Die Ergebnisse unserer Studie des Digitalisierungsbarometers im vergangenen Jahr belegen eindrücklich, dass die Mehrheit der Kund:innen zukünftig noch vor dem Erstkontakt online nach Betrieben und deren Reputation recherchieren.

Durch eine professionelle Webpräsenz erhöhen die Handwerksbetriebe also ihre Chancen, potenzielle Kundschaft für sich zu gewinnen. Auch der Wunsch nach digitaler Beratung und Abwicklung wird über die Jahre weiter zunehmen. Das muss den Kontakt nicht zwangsläufig weniger direkt machen, aber er wird – für beiden Seiten – in jedem Fall effizienter.

Tipp

Die Zukunftsinitiative Handwerk 2025

Mit dieser im Jahr 2017 gegründeten Initiative möchte das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg Handwerksbetriebe auf die Herausforderungen der Zukunft mit unterschiedlichen Beratungsangeboten unterstützen. Im Fokus stehen dabei die drei Themenschwerpunkte Personal, Strategie und Digitalisierung.

Verschaffen Sie sich hier einen Überblick über die Beratungsangebote:

„Digitalisierung muss nicht zwangsläufig disruptiv sein, sie bietet auch enorme Chancen für Betriebe, die es zu ergreifen lohnt.“

Damit Betriebe hierauf vorbereitet sind, ist entscheidend, vorhandene Daten soweit wie möglich zu digitalisieren und künftig volldigital zu erfassen. Die Einführung entsprechender Software ist dann lediglich die sinnbildliche Kirsche auf dem Törtchen der Bäckerei, die ihre Produktionsmengen durch eine KI entsprechend digitalisiert hat. Dieses Projekt begleiten wir momentan beispielsweise durch eine unserer Digitalisierungswerkstätten.

Die Anwendung von KI auf einer soliden Datengrundlage kennt aber nahezu keine Gewerkegrenzen: Die Auswertung von Gebäudedaten, etwa Feuchtigkeit im Estrich, oder Funktionsdaten von Heizanlagen werden Arbeitseinsätze und Wartungen künftig effizienter und planbarer machen. Die Möglichkeiten von KI sind schier endlos und einige kennen wir heute noch nicht mal.

Im Hinblick auf weitere Themen wie Elektromobilität, den Klimawandel oder die Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt: Wie sehr benötigen wir das Handwerk für die Zukunft unserer Wirtschaft?

Das Handwerk ist zentral für die baden-württembergische Wirtschaft, heute wie in Zukunft. Egal, ob bei der Montage von Solaranlagen, dem Bauen mit energieeffizienten Wertstoffen oder der Bereitstellung von Ladeinfrastrukturen – ohne Handwerk geht es nicht. Alle Ziele, die im Rahmen von Klimaschutz, Elektromobilität oder auch der Schaffung neuen Wohnraumes gesetzt werden, erfordern dringend die Einbindung des Handwerks als starker Partner für eine durchdachte, saubere Umsetzung in der Praxis.

Welche Digital-Beratungen bieten Sie als Handwerkstag an? Wie können Sie Handwerksbetriebe unterstützen?

Mit unserer Servicetochter, der Beratung für Handwerk und Mittelstand (BWHM GmbH), bieten wir ein breites Portfolio an Beratungsmöglichkeiten für Betriebe. Darunter fällt etwa die Möglichkeit einer attraktiven Intensivberatung von Einzelbetrieben oder auch die Begleitung von Umsetzungsprojekten, etwa durch Digitalisierungswerkstätten im Rahmen der vom Wirtschaftsministerium geförderten Zukunftsinitiative „Handwerk 2025“.

Darüber hinaus bietet auch das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Stuttgart, das wir für das Handwerk betreuen, zahlreiche Möglichkeiten zur Unterstützung an. Letztlich kommt es aber auch immer auf das individuelle Bedürfnis eines Betriebs an – dabei unterstützen wir gerne passgenau und unkompliziert!