Experten-Interview: So digital ist Deutschland

Fragen an Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21

Lena-Sophie Müller ist Geschäftsführerin der Initiative D21, Deutschlands größtem gemeinnützigen Netzwerk für die Digitale Gesellschaft. Es setzt sich zusammen aus Vertreter*innen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Mandatiert durch Wirtschaft und öffentliche Hand werden die gesellschaftlichen Herausforderungen im digitalen Wandel durchleuchtet, jährliche Lagebilder geliefert und Debatten angestoßen, um die Zukunft der Digitalen Gesellschaft sinnvoll zu gestalten.

Darüber hinaus berät Müller in verschiedenen Gremien wie beispielsweise der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz des Deutschen Bundestages und dem Beirat Junge Digitale Wirtschaft von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Im November 2020 wurde sie von LinkedIn zur Top Voice 2020 erklärt und ist Teil der Business Punk Watchlist 2021.

1. Womit beschäftigen Sie sich bei der Initiative D21?

Wir möchten den digitalen Wandel in Deutschland positiv gestalten – d.h. für uns, dass Deutschland vom technologischen Fortschritt profitiert und gleichzeitig die richtigen Voraussetzungen schafft, dass alle Menschen bestmöglich daran partizipieren. Dazu vereint die Initiative D21 in einem Netzwerk relevante AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, die daran mitwirken möchten. Denn die Digitalisierung ist ein globaler Megatrend unserer Zeit. Sie verändert die Arbeit und Wirtschaft, schafft Wohlstand und führt zugleich zu gesellschaftlichen Herausforderungen. Sie bringt in nahezu allen Lebensbereichen Veränderungen mit sich, von denen wir nicht automatisch profitieren – ob der Wandel positiv oder negativ ist, liegt in unserer Hand.

Wir denken in unseren Arbeitsgruppen und über unsere Denkimpuls-Publikationen vor und stellen uns schon heute die Fragen, die morgen für unsere Gesellschaft relevant werden: Welche Technik wollen wir nutzen, welche nicht? Welche Verantwortung tragen Unternehmen im digitalen Wandel, welche Kompetenzen brauchen wir für eine zukunftsfähige Gesellschaft? Nur so können wir gemeinsam die digitale Zukunft sinnvoll und gerecht gestalten.

2. Wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft? Welche neuen Verhaltenstrends lassen sich erkennen?

Die Digitalisierung wird für immer mehr Menschen zum festen Bestandteil ihres Lebens. Wir fragen in unseren Studien beispielsweise danach, ob Menschen noch zwischen „offline“ und „online“ trennen – gerade bei jüngeren und gut gebildeten Gruppen verschwimmen hier die Grenzen zunehmend. Für viele von ihnen ist es völlig normal, ständig online und erreichbar zu sein. Gleichzeitig gibt es auch eine steigende Zahl an Menschen, die sagen, sie möchten öfter bewusst „offline“ sein.

Die Gesellschaft hat sich mit den Smartphones in nicht einmal 15 Jahren enorm verändert: Ich habe das Wissen der Welt in meiner Hosentasche, immer eine Kamera parat, finde mich auch in fremden Städten per Navigation jederzeit zurecht oder kann Freunden am anderen Ende der Welt hier und jetzt ein Bild von mir schicken oder mit ihnen per Videochat sprechen. Wir haben da eine ganze Menge zu bewältigen und befinden uns in einem permanenten Lernprozess.

Als D21 haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, genau zu beobachten, was die Digitalisierung mit uns als Person aber auch der ganzen Gesellschaft macht. Wer profitiert davon, wer leidet vielleicht sogar darunter, wer braucht Hilfe, wie kann man die Leute erreichen? Auch das ist übrigens immer Teil unsere Studien.

3. Wo sehen Sie in Deutschland besonderen Handlungsbedarf in Sachen Digitalisierung?

Deutlichen Handlungsbedarf sehe ich in der Überwindung der digitalen Spaltung in unserer Gesellschaft. Derzeit sind 14 Prozent der deutschen Bevölkerung noch immer offline, das sind neun Millionen Menschen. Ältere, darunter meist Frauen, und weniger gebildete Menschen sind besonders häufig ausgeschlossen. Ihnen fehlt häufig nicht nur die technische Ausstattung, sondern vor allem die Kompetenzen, um mit digitalen Geräten und Diensten umzugehen.

Dann gibt es weitere Gruppen, die zwar online ist, aber sich auch von vielen Dingen überfordert fühlen, das betrifft die gleichen Gruppen wie eben genannt. Muss jeder bei der Digitalisierung mitmachen? Ich denke das wird unabdingbar sein. Die digitale Spaltung wird dann zum Problem, wenn man handfeste Nachteile bekommt, weil man etwa von Informationen, Dienstleistungen, Kommunikation oder politischer Willensbildung abgeschnitten ist. Je mehr unser Leben und z.B. auch unsere Arbeitswelt durch digitale Anwendungen geprägt wird, umso stärker droht auch, dass Menschen abseits dieser Entwicklung stehen und Nachteile haben. Es geht daher auch stark um Befähigung.

Deswegen müssen wir besonders in digitale Bildung investieren, und zwar nicht nur in Schule, Ausbildung oder Studium, sondern auch durch Fortbildungen während des Berufslebens und im Alter – Stichwort „Lebenslanges Lernen“. Ich halte grundlegende digitale Kompetenzen aus mehreren Gründen für essenziell: Man braucht eine gewisse digitale Mündigkeit, um beispielsweise den Sinn von Datenschutz nachvollziehen oder wichtigen Diskussionen wie dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz folgen zu können. Andererseits sind digitale Kompetenzen auch zunehmend wichtiger für persönliche Perspektiven etwa auf dem Arbeitsmarkt.

4. Welchen Einfluss hat bisher die Corona-Pandemie auf den Digitalisierungsgrad der Gesellschaft und die Offenheit gegenüber digitalen Angeboten und Hilfsmitteln?

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft bei digitalen Themen ins kalte Wasser geschmissen – wie man so schön sagt - und zeigt deutlich auf, wer sich gut über Wasser hält und wer dringend Schwimmhilfen benötigt. In vielen Bereichen, in denen wir deutlich zurückhingen, haben wir in diesem Jahr große Fortschritte gemacht bzw. sind gerade dabei, welche zu machen – man kann die Pandemie daher auch als „Brennglas“ für die Digitalisierung sehen.

In der Arbeitswelt werden diese Entwicklungen besonders deutlich. Wenn wir auf den März zurückblicken, war mobiles Arbeiten oder Home-Office gerade einmal für rund 15 Prozent der Bevölkerung möglich – heute hat sich diese Zahl verdoppelt. Viele Menschen mit Bürotätigkeit sind erstmalig aus dem vertrauten Alltag im Büro an den Schreibtisch zu Hause gewechselt. Unsere Erhebungen deuten darauf hin, dass viele Entwicklungen bleiben werden – in welchem Umfang müssen wir natürlich abwarten. Aber ein kategorisches „Nein“ zu Home-Office und Co. wird es an vielen Stellen nicht mehr geben.

Die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie in Bezug auf die Digitalisierung sind noch nicht wirklich absehbar und werden sich erst in nächster Zukunft zeigen. Allerdings ist die Überwindung gegenüber neuen Trends und Arbeitsweisen wesentlich geringer als noch vor kurzer Zeit, was uns sehr freut.

5. Gibt es Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung, denen Sie besonders häufig begegnen?

Die Digitalisierung wurde lange Zeit nur als „Nice-to-Have“ oder optional bewertet – es fehlte an Ernsthaftigkeit und die Dringlichkeit wurde nicht erkannt. Bei der Entwicklung von Lösungen wird häufig die NutzerInnen-Perspektive vernachlässigt und dem Datenschutz nachgeordnet.

Gerade in der Verwaltung können wir das sehr gut beobachten. Ein Beispiel ist der gerade 10 Jahre alt gewordene neue Personalausweis. Er ist zwar sehr sicher, wird aber von nur 6 Prozent der deutschen Online-Bevölkerung genutzt, weil die Bedienung zu kompliziert ist und es wenig Anwendungsmöglichkeiten gibt. Das schreckt ab und lässt die Vorteile der Nutzung und das Potenzial in den Hintergrund rücken.

Gerade im privaten Bereich spielen Nutzen und Usability die zentrale Rolle bei der Akzeptanz – das sehen wir uns unseren Studien immer wieder. Datenschutz und Sicherheit kommen dann erst oft an zweiter Stelle, auch wenn sie natürlich ebenso relevant sind. Wenn die Menschen einen Vorteil sehen und die Nutzung einfach ist, werden digitale Lösungen auch angenommen.

6. Wie lassen sich Ängste wirksam abbauen, was braucht es, damit wir eine größere Offenheit schaffen und statt der Probleme vor allem die Chancen erkennen?

Sobald die Vorteile digitaler Techniken erkennbar sind und die Menschen mitgenommen werden, zeigen sie mehr Akzeptanz für Neues. Gerade im Bildungsbereich, in dem die Digitalisierung noch so ziemlich in den Kinderschuhen steckt, wurden viele Lehrkräfte durch die Corona-Situation erstmals dazu gezwungen, auf digitale Kanäle umzusteigen. Das Ergebnis: Sie zeigen eine sehr große Offenheit und Lust, Fortbildungsangebote auf diesem Gebiet anzunehmen. Es geht also nicht so sehr um Ängste, sondern vielmehr um Nutzen und die Sicherheit, beispielsweise mit digitalen Geräten umzugehen.

Die digitale Teilhabe kann durch Begegnungsorte für Digitalisierung gefördert werden. Seien es Lernangebote in Schulen, Kommunen oder Städten: Es ist wichtig, Wissen und Kompetenzen zu fördern und somit die Vorteile der Nutzung digitaler Angebote aufzuzeigen – „Digitalisierung zum Ausprobieren“ also.

7. Was kann Deutschland sich von anderen Ländern abgucken, um Ängste und Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung abzubauen?

Die Digitalisierung in das Leben der Menschen und damit in die tägliche Praxis zu bringen. Da kann der Staat mit einem guten Beispiel vorangehen, indem er zum Beispiel digitale Lernformen an Schulen und Universitäten anbietet oder auch mit der digitalen Verwaltung ganz klare Vorteile präsentiert, wenn ich mit wirklich stark reduziertem Aufwand und von zu Hause aus meine Angelegenheiten erledigen kann.

In Deutschland neigen wir dazu, etwas erst dann rauszubringen, wenn wir jede Eventualität durchdacht und berücksichtigt haben. Da brauchen wir etwas mehr Lockerheit und Mut zur Lücke. Andere probieren auch mal Dinge aus, die noch nicht bei 100 Prozent sind, sondern erst bei 75 – und justieren dann im laufenden Betrieb nach, das kann wunderbar funktionieren.

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