Wachstumschancengesetz: Diese geplanten Steueränderungen sollten Unternehmer kennen

Das Wachstumschancengesetz (auch WCG genannt) sieht vor allem viele Steueränderungen vor. Doch der Bundesrat hat das Gesetz aktuell gestoppt. Kommt es jetzt gar nicht oder fallen Steuervergünstigungen speziell als Unterstützung für Unternehmen weg? Wie es nun mit dem Wachstumschancengesetz weitergeht und auf welche Steueränderungen sowie Förderungen Sie sich voraussichtlich einstellen können, lesen Sie in diesem Artikel.

Hinweis: Gendergerechte Sprache ist uns wichtig. Daher verwenden wir auf diesem Portal, wann immer möglich, genderneutrale Bezeichnungen. Daneben weichen wir auf das generische Maskulinum aus. Hiermit sind ausdrücklich alle Geschlechter (m/w/d) mitgemeint. Diese Vorgehensweise hat lediglich redaktionelle Gründe und beinhaltet keinerlei Wertung.

Durchsichtiges Puzzlestück mit dem Paragraphenzeichen. Daneben drei aufsteigende Münztürme.
© vegefox.com & v.poth - stock.adobe.com
 |  Zuletzt aktualisiert am:26.01.2024

Wachstumschancengesetz: Was ist passiert?

Durch die Einführung des Wachstumschancengesetzes möchte die Bundesregierung mit unterschiedlichen Maßnahmen die deutsche Wirtschaft in Schwung bringen. Der Bundestag hat dem Gesetzentwurf am 17. November 2023 zugestimmt. Der Bundesrat aber hat den Regierungsentwurf am 24. November 2023 gestoppt und an den Vermittlungsausschuss weitergeleitet. Hintergrund ist, dass die Bundesregierung die vom Bundesrat konkret benannten Änderungen im Entwurf des Wachstumschancengesetzes nur teilweise umgesetzt hat. Der Bundesrat hat das Wachstumschancengesetz an den Vermittlungsausschuss verwiesen.

Info

Das ist der aktuelle Stand

Eigentlich sollte der Vermittlungsausschuss bereits im Dezember 2023 zusammenkommen und über mögliche Nachbesserungen beraten. Mit Verweis auf den noch nicht feststehenden Haushalt für 2024 wurde der Vermittlungsausschuss jedoch auf 2024 vertagt.

Dieser soll sich nun am 21. Februar 2024 mit dem Wachstumschancengesetz befassen. Das Vermittlungsergebnis wird dann wahrscheinlich in der Bundesratssitzung am 22. März 2024 beschlossen.

Da viele der Regelungen bereits ab dem Jahreswechsel gelten sollen, werden diese voraussichtlich rückwirkend in Kraft treten, sobald das Wachstumschancengesetz beschlossen ist.

Was soll das Wachstumschancengesetz beinhalten?

Vor allem beinhaltet das geplante Gesetz Steueränderungen bzw. Steuervereinfachungen. Außerdem soll im B2B-Bereich eine Pflicht zur elektronischen Rechnung kommen. 

Darüber hinaus ist eine Investitionsprämie geplant, durch die Unternehmen bei Aufwendungen bezüglich Energieeffizienzmaßnahmen Anreize in Form von Zuschüssen erhalten sollen. Durch diese Impulse erhofft sich die Bundesregierung Verbesserungen des Klimaschutzes, mehr Investitionen in Innovationen, sowie eine Stärkung der Liquiditätssituation von Unternehmen.

Wachstumschancengesetz: Die wichtigsten Steueränderungen

Info

Wir informieren Sie aktuell über Neuigkeiten zum Wachstumschancengesetz

Die folgenden Punkte stehen im Regierungsentwurf für das Wachstumschancengesetz. Wir halten Sie auf dem Laufenden: Sobald das neue Gesetz in Kraft tritt, passen wir den Beitrag an!

1. Degressive Abschreibung

Beim Kauf von beweglichen Gegenständen für das betriebliche Anlagevermögen im Zeitfenster von 1. Oktober 2023 bis zum 31. Dezember 2024 sollen Unternehmer alternativ zur linearen Abschreibung die degressive Abschreibung wählen können. Die degressive Abschreibung beträgt das 2,5-fache des linearen Abschreibungssatzes, maximal 25 Prozent der Anschaffungskosten bzw. des Restbuchwerts. Diese Änderung im Wachstumschancengesetz würde Unternehmen höhere Betriebsausgaben in den ersten Abschreibungsjahren bescheren.

2. Neue GWG-Grenze

Beim Kauf geringwertiger Wirtschaftsgüter (GWG) soll ab dem 1. Januar 2024 eine höhere Grenze gelten. Ein GWG würde danach vorliegen, wenn die Nettokosten eines beweglichen Gegenstands des betrieblichen Anlagevermögens, der selbständig nutzungsfähig ist, nicht mehr als 1.000 Euro betragen (bisher netto 800 Euro). GWG müssen nicht auf die Nutzungsdauer abgeschrieben werden. Der Sofortabzug als Betriebsausgabe ist möglich.

3. Neue Regeln für Sammelposten

Alternativ zum Sofortabzug für GWG können Unternehmer bisher auch nach der Sammelpostenmethode abschreiben. Konkret: Hat ein Unternehmer bisher einen beweglichen Gegenstand für das betriebliche Anlagevermögen mit einem Nettowert bis zu 1.000 Euro gekauft, durfte er die Anschaffungskosten zu einem Sammelposten zusammenfassen und auf fünf Jahre verteilt abschreiben. 

Das Wachstumschancengesetz sieht hier vor, dass die Sammelpostenmethode beim Kauf ab dem 1. Januar 2024 für Anschaffungskosten von netto bis 5.000 Euro möglich ist und dass der Sammelposten auf nur drei Jahre abzuschreiben ist.

4. 50%-ige Sonderabschreibung

Werden bestimmte Voraussetzungen erfüllt, sollen Unternehmer nach der Regelung im Wachstumschancengesetz bei Anschaffung von beweglichen Gegenständen des Anlagevermögens rückwirkend ab dem 1. Januar 2024 neben der regulären Abschreibung eine 50%-ige Sonderabschreibung gewinnmindernd geltend machen dürfen (bisher 20 Prozent). Kommt diese Änderung im Wachstumschancengesetz, ist bei Kombination der Sonderabschreibung mit der degressiven Abschreibung eine Abschreibung von bis zu 75 Prozent im ersten Jahr möglich.

5. Höhere Geschenk-Freigrenze

Sollen Kunden, Geschäftspartner oder deren Mitarbeiter ein Geschenk erhalten, klappt es mit dem Betriebsausgabenabzug aktuell nur, wenn die Geschenkaufwendungen pro Jahr und Empfänger netto nicht über 35 Euro liegen. Wird diese Freigrenze überschritten, kippt der Betriebsausgabenabzug sowie die Vorsteuererstattung. Nach dem Wachstumschancengesetz soll die Freigrenze bei solchen Geschenken auf netto 50 Euro steigen.

6. Höhere Freigrenze für Betriebsveranstaltungen

Für zwei Betriebsveranstaltungen pro Jahr müssen Unternehmer die Teilnehmerkosten im Auge behalten. Denn liegen die Kosten je Teilnehmer und Veranstaltung derzeit über einem Betrag von 110 Euro, gilt der übersteigende Betrag als Arbeitslohn und der Unternehmer muss Lohnsteuer ans Finanzamt abführen. Der Vorsteuerabzug kippt bei Überschreitung der 110-Euro-Grenze komplett. Das Wachstumschancengesetz sieht nun eine Erhöhung der Teilnehmerkosten von 110 Euro auf 150 Euro vor.

7. Höherer Verpflegungsmehraufwand bei Inlands-Geschäftsreisen

Der Verpflegungsmehraufwand für berufliche oder betriebliche Auswärtstätigkeiten im Inland soll sich durch das Wachstumschancengesetz minimal erhöhen. Folgende Verpflegungspauschalen sind dann vorgesehen:

Höhe der Verpflegungspauschalen 2024 bei Reisen im Inland

Darstellung von Tabellen auf Desktop besser lesbar

Abwesenheit von erster Tätigkeitsstätte/Betriebsstätte und Wohnung von mehr als 8 Stunden
Abwesenheit von erster Tätigkeitsstätte/Betriebsstätte und Wohnung von mehr als 8 Stunden 16 Euro (bisher 14 Euro)
An- und Abfahrtstage bei mehrtägiger betrieblicher Auswärtstätigkeit unabhängig von der Dauer der Abwesenheit von der ersten Tätigkeitsstätte/Betriebsstätte und der Wohnung 16 Euro (bisher 14 Euro)
Abwesenheit von der ersten Tätigkeitsstätte/Betriebsstätte und der Wohnung von mehr als 24 Stunden 32 Euro (bisher 28 Euro)

Das Bundesfinanzministerium hat in einem BMF-Schreiben zudem die neuen Verpflegungs- und Übernachtungspauschalen bei beruflichen bzw. betrieblichen Reisen im Ausland veröffentlicht (BMF, Schreiben vom 21.11.2023, Az. IV C 5 – S 2353/19/10010:005). Die Auslands-Verpflegungspauschalen können von Unternehmern und Arbeitnehmern bei eintägigen oder mehrtägigen Auslandsreisen als Betriebsausgaben bzw. Werbungskosten geltend gemacht werden.

Selbständige können jedoch nicht die im BMF-Schreiben genannten Übernachtungspauschalen als Betriebsausgaben steuerlich absetzen. Sie müssen die Übernachtungskosten nachweisen. Die Übernachtungspauschalen können Arbeitnehmern bei Auslandsreisen jedoch steuerfrei erstattet werden.

8. 3-jähriger Verlustrücktrag

Der bislang auf zwei Jahre beschränkte Verlustrücktrag soll auf drei Jahre ausdehnt werden. Für viele Unternehmen dürfte das eine gute Nachricht sein. Vorgesehen ist zudem, dass der Verlustrücktrag in den Jahren 2024 und 2025 weiterhin 10 Millionen Euro (Ledige) bzw. 20 Millionen Euro (zusammenveranlagte Steuerzahler) betragen darf. Ab 2026 sind es dann 5 Millionen Euro bzw. 10 Millionen Euro.

Bei dem neuen Verlustrücktrag, wie ihn das Wachstumschancengesetz vorsieht, wird der Verlust in einem ersten Schritt ins vorangegangene Jahr zurückgetragen. Bleibt nach diesem Rücktrag noch ein Verlust übrig, kann der verbleibende Verlust ins zweite Jahr vor der Verlustentstehung zurückgetragen werden. Nur wenn auch nach diesem zweiten Verlustrücktrag weiterhin ein Verlust übrig bleibt, wird dieser ins dritte Jahr vor der Verlustentstehung zurückgetragen. Es winken durch diese Änderung im Wachstumschancengesetz also Steuererstattung für drei zurückliegende Steuerjahre.

9. Neuregelung zum Verlustvortrag

In den Steuerjahren 2024, 2025, 2026 und 2027 greifen neue Steuerregeln zum Verlustvortrag. Ein Verlustvortrag ist möglich, wenn in den letzten drei Jahren vor dem Jahr der Verlustentstehung keine positiven Einkünfte erzielt wurden. Der Verlustvortrag, der über 1 Million Euro (Ledige) bzw. 2 Millionen Euro (zusammenveranlagte Steuerzahler) liegt, kann im nächsten Jahr in Höhe von 75 Prozent des Gesamtbetrags der Einkünfte abgezogen werden (bislang: 60 Prozent).

10. Geringere Haftungsrisiken für Unternehmer bei Abfindungen

Erhält ein Arbeitnehmer vom Arbeitgeber wegen Beendigung des Dienstverhältnisses eine Abfindung oder werden in einem Jahr Gehaltsbestandteile ausbezahlt, die über mehrere Jahre verdient wurden, profitieren Beschäftigte unter bestimmten Voraussetzungen von einer ermäßigten Besteuerung in Form der Fünftelregelung nach § 34 EStG. Die ermäßigte Besteuerung konnte bereits bei Ermittlung der Lohnsteuer berücksichtigt werden.

In der Vergangenheit wurde bei Lohnsteuerprüfungen jedoch immer wieder festgestellt, dass die Voraussetzungen für die ermäßigte Besteuerung gar nicht vorgelegen haben. Die Folge war eine Lohnsteuerhaftung beim Arbeitgeber. Ab 2024 soll die Anwendung der Fünftelregelung beim Lohnsteuerabzug nach einer Regelung im Wachstumschancengesetz nicht mehr vorgenommen werden

Das bedeutet: kein Haftungsrisiko mehr für den Arbeitgeber. Für Arbeitnehmer hat das keinen steuerlichen Nachteil zur Folge. Sie können die Anwendung der Fünftelregelung bei Abgabe einer Steuererklärung beantragen.

11. Wachstumschancengesetz stärkt Einnahmen-Überschussrechnung

Viele gewerblich tätige Unternehmen profitieren von der Einnahmen-Überschussrechnung (EÜR) nach § 4 Abs. 3 EStG. Nur wenn ihr Umsatz über 600.000 Euro steigt oder sie höhere Gewinne als 60.000 Euro erzielen, fordert das Finanzamt zum nächsten 1. Januar zur Bilanzierung auf. Wer vom Finanzamt nun eine Aufforderung zum Wechsel der Gewinnermittlungsart zum 1. Januar 2024 vorliegen hat, hat möglicherweise die Chance, die Bilanzierung noch abzuwenden. Denn im Wachstumschancengesetz ist vorgesehen, dass sich die Umsatzgrenze ab 2024 auf 800.000 Euro und die Gewinngrenze auf 80.000 Euro erhöht.

Liegt also eine Aufforderung vom Finanzamt vor, zum 1. Januar 2024 zur Bilanzierung zu wechseln, und überschreiten Umsatz und Gewinn im Jahr 2024 voraussichtlich nicht die neuen Grenzen nach dem Wachstumschancengesetz, könnte nach § 148 Abgabenordnung ein Antrag beim Finanzamt auf Rücknahme der Aufforderung zur Bilanzierung gestellt werden. Dieser hat natürlich nur Aussicht auf Erfolg, wenn die im Wachstumschancengesetz vorgesehenen Grenzen auch wirklich so verabschiedet werden.

12. Geringerer Bürokratieaufwand für Kleinunternehmer

Wer sich beim Finanzamt umsatzsteuerlich als Kleinunternehmer registrieren lässt, musste bisher trotzdem eine Umsatzsteuererklärung beim Finanzamt einreichen. Das Finanzamt prüfte, ob die Umsätze tatsächlich so niedrig waren, dass die Kleinunternehmerregelung greift. 

Das Wachstumschancengesetz sieht hier eine bürokratische Entlastung vor: Kleinunternehmer nach § 19 UStG sollen bereits rückwirkend für das Steuerjahr 2023 keine Umsatzsteuererklärung mehr beim Finanzamt einreichen müssen.

Info

Ausnahme von der Neuregelung im Wachstumschancengesetz

Eine Abgabe wäre nach den Vorgaben des Wachstumschancengesetzes nur dann Pflicht, wenn das Finanzamt die Umsatzsteuererklärung explizit anfordert.

13. Ist-Besteuerung: Höhere Umsatzschwelle im Wachstumschancengesetz

Grundsätzlich gilt bei der Umsatzsteuer die sogenannte Soll-Versteuerung. Die Umsatzsteuer ist danach bereits ans Finanzamt abzuführen, wenn eine Leistung erbracht wurde. Der Zeitpunkt der Rechnungsstellung und die Bezahlung durch den Kunden spielt bei der Soll-Versteuerung keine Rolle. Wer jedoch einige Voraussetzungen erfüllt, kann die Ist-Versteuerung beim Finanzamt beantragen. In diesem Fall ist die Umsatzsteuer erst zu dem Zeitpunkt anzumelden und ans Finanzamt zu zahlen, wenn der Kunde seine Rechnung beglichen hat.

Bisher profitierten von dieser Ist-Versteuerung Unternehmer nur, wenn ihr Umsatz im Vorjahr nicht mehr als 600.000 Euro betragen hat. Durch das Wachstumschancengesetz soll ab 2024 eine Anhebung dieser Umsatzhöchstgrenze auf 800.000 Euro (§ 20 Satz 1 Nr. 1 UStG) stattfinden.

Info

Teile des Wachstumschancengesetzes in anderes Gesetz ausgelagert

Einige kleinere Bestandteile des Wachstumschancengesetzes wurden kurzfristig in das sogenannte Kreditzweitmarktförderungsgesetz ausgelagert, das am 15. Dezember 2023 noch verabschiedet wurde. So können diese Änderungen doch noch zum Jahreswechsel in Kraft treten. Es handelt sich dabei unter anderem um folgende Punkte:

  • Verzicht auf die Besteuerung der sogenannten Dezemberhilfe, in deren Zuge die Bürger im Dezember 2022 bei den hohen Energiekosten entlastet wurden.
  • Anpassungen, die nötig sind, damit das Gesetz zur Modernisierung des Personengesellschaftsrechts (MoPeG) zum Jahreswechsel in Kraft treten kann.
  • Änderungen bei der sogenannten Zinsschranke im Einkommen- und Körperschaftsteuergesetz.
  • Verschiebung des Datenauschtauschs zwischen Unternehmen der privaten Kranken- und Pflegeversicherung, der Finanzverwaltung und den Arbeitgebern um 2 Jahre. Der Starttermin war eigentlich für den 1. Januar 2024 vorgesehen.
  • Künftige Berücksichtigung im Lohnsteuerabzugsverfahren von Beitragsermäßigungen in der Sozialen Pflegeversicherung für Kinder.

Info

Wir informieren Sie aktuell zum Wachstumschancengesetz

Wir halten Sie auf dem Laufenden: Sobald das neue Gesetz in Kraft tritt, passen wir den Beitrag an!

Lexware Newsletter

Möchten Sie zukünftig wichtige News zu Gesetzes­änderungen, hilfreiche Praxis-Tipps und kostenlose Tools für Unternehmen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter.